Zeitlos in den Seychellen

14 Oktober 2016

Wer auf den Seychellen weilt, beginnt plötzlich, nach einem anderen Zeitbegriff zu leben. Nichts scheint wirklich eilig zu sein. Und alles kann warten. Viele meiner seychellischen Freunde tragen keine Uhr, ich übrigens auch nicht mehr. Und doch kommen wir im Alltag ganz gut zurecht – meistens jedenfalls. Das liegt zunächst einmal daran, dass es einen natürlichen Zeitmesser gibt: die „Sonnen-Uhr“. Sie geht nie falsch und immer richtig, denn sie geht zwischen sechs und halb sieben in der Früh auf, und zwischen sechs und halb sieben abends unter. Tropische Regelmäßigkeit des Äquators – zuverlässig, Jahrmillionen lang erprobt und sehr beruhigend. Genauso wie der Rhythmus der Gezeiten, Ebbe und Flut – die man nach einigen Tagen Strandleben auch ohne Gezeiten-App präzise voraussagen kann.

Zur Not helfen die Vögel mit dazu, die morgens und abends jeweils zeitgleich plärren (von Singen kann bei dem lauten Spektakel der Mynah-Birds und Bulbuls jedenfalls nicht die Rede sein, auch nicht beim durchdringenden schrillen Fiepen der Kolibris und erst recht nicht beim Gezeter der Webervögel. Einzig und allein das Gurren der Sperbertäubchen macht da eine sanfte Ausnahme). Und wem das nicht reicht, der orientiere sich am Gebimmel der Kirchenglocken: Sechs- und Sieben-Uhr-Läuten in der Früh, Mittagsläuten um Punkt Zwölf, Angelus-Läuten um Fünf zum Feierabend. Und wenn mal nachmittags um drei die Glocken schlagen, dann ist klar: es kann nur Freitag sein!

Wegen dieser natürlichen Rhythmen ist es eigentlich nur zu logisch, dass es so etwas wie einen präzise getaktete Stundenablauf oder Fahrpläne nicht gibt – einzige Ausnahme ist die Fähre Cat Cocos. Aber bei den blauen Tata-Bussen sieht es schon anders aus. Es ist zwar in etwa bekannt, wohin sie fahren (das markiert ein Leuchtband im Cockpit) und von wo aus sie fahren (das zeigt das fette Wort „Bus Stop“ an, das in weißer Farbe einfach auf die Straße gepinselt wurde). Nicht aber ist genau bekannt, wann sie fahren. Und während wir in der zivilisierten Gesellschaft das Warten als etwas Lästiges und unnütze Zeitverschwendung empfinden, weil die Zeit davon eilt, haben die Seychellois eine ganz andere, eine positive Einstellung: „Time is coming“. Die Zeit kommt also zu ihnen, während bei uns die Zeit vergeht und wir ihr deswegen gestresst hinterher jagen müssen.

So weit, so gut. Eigentlich dachte ich, dass die Seychellen wegen dieser Mentalität ein wenig hintendran sind (ich sage bewusst nicht: hinterm Mond, denn der lacht sie strahlend an). Aber heute bekam ich den Beweis, dass sie ihrer Zeit voraus sind, zumindest um einen ganzen Tag. Als ich nämlich im „News Café“ in Victoria heute meine Zeitung las, musste ich verblüfft innehalten.

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Da steht doch tatsächlich: Freitag, 15. Oktober! Ich guckte sicherheitshalber auf den vergilbten Wandkalender des Cafés und auch noch auf mein Handy: Da stand: Freitag, 14. Oktober!

Okay, dachte ich, das hätten wir jetzt geklärt. Beruhigend für mich war, dass es offenbar den Zeitungsredakteuren genauso ging wie mir: kein richtiges Zeitgefühl mehr, welcher Tag, welches Datum – das war und ist offenbar gar nicht so richtig wichtig.

Und plötzlich merke ich, welchen Luxus ich da genoss: Zeitlos in den Seychellen!

Eigentlich war es nichts anderes als Fernweh und die Suche nach dem perfekten Inselidyll, was Heike Mallad auf die Seychellen brachte: 1998 verbrachte sie zum ersten Mal eine Woche auf den Trauminseln im Indischen Ozean.