Das Glück liegt im Wasser – Warum ich Inseln so liebe

23 Oktober 2017

Das letzte Klassentreffen ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Alte Schulhefte sollten wir mit­bringen, alte Fotos sowieso. Ich hatte beides da­bei und eine zerfledderte Mischung aus Tagebuch und Poesiealbum. Darin hatte ich Stundenpläne und meine Schulkameraden sich mit mehr oder weniger klugen Sprüchen verewigt. Ganz vorne auf den ersten beiden Seiten mußte sich aber die Be­sitzerin kurz vorstellen: Körper­größe und Haar­farbe, Lieblingsfach in der Schule und Lieb­lingslehrer. Ganz zum Schluss kam eine Ru­brik, die überschrieben war mit „Fünf Dinge, die ich ganz besonders mag“: Darin hatte ich mit der runden Schrift einer 17Jährigen eingetragen: „Mit Freun­den weggehen, gute Noten in der Schule, im Gar­ten grillen, Musik von Abba, Inseln“. – Als meine ein­stige rechte Bank­nach­barin dieses Jung­mäd­chen-Geständnis beim Durch­blättern entdeckte, wurde ihr Blick nach­denklich und vielsagend: „Un­glaublich – schon da­mals wußtest Du genau, was Dir gut tut. Und heute hast Du Dir diesen Traum erfüllt“. Damit meinte sie meine zweite Heimat, die Seychellen.

Und der ehemalige Banknachbar zu mei­ner Linken knuffte mich in den Arm: „Er­innerst Du Dich noch? Du hast in meine Hefte immer irgendwelche Palmen, Boote und Strand­motive reingekritzelt, wenn es Dir im Unterricht langweilig war.“

Vielleicht habe ich mir damals noch nicht be­wußt die Frage gestellt, warum genau Inseln so fas­zi­nie­rend sind. Aber ich habe es im tiefsten Inne­ren gespürt – das Andere, das Glück, das von einer Insel ausgeht. Dabei sind meine Inselerlebnisse der kindlichen Frühzeit – vor allem im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten – wenig aufregend. Aber sie waren offenbar doch so einschneidend, dass sie mich bis heute prägen…

Im Bug eines Faltbootes sitzend paddelten mich mei­ne Eltern mit meinen anderthalb Jahren über den oberbayerischen Staffelsee erstmals auf eine Insel – die Buchau. Zwar sagt die Wissenschaft, man könne sich höchstens an Erlebnisse als Drei- oder Vierjährige zurück erinnern, doch der Duft des Seewasers, der sich mit dem leichten Moder aus Gummi und Segeltuchs des Faltbootes ver­mischte, habe ich heute noch in der Nase. Genauso höre ich immer noch das zarte Plätschern der Wellen, das Glucksen der Paddelschläge und dann endlich das kratzend-schabende Geräusch, als das Boot nach zwanzigminutiger Überfahrt sanft mit sei­nem Kiel ins seichte, knöcheltiefe Wasser des Kie­selufers einfuhr. Wir waren da!

Hier auf dem kleinen Inselcampingplatz sollte für einige unbeschwerte Ferienwochen unser Zelt stehen, und das regelmäßig mehrere Jahre lang, jeden Sommer.

Schnell lernte ich: Die Insel ist wie ein anderes Land. Das Wort „Mikrokosmos“ kannte ich na­tür­lich nocht nicht, aber genau das war es: eine eigene, kleine Mini-Welt, endlich in ihren Aus­maßen, be­grenzt, aber nicht beengt, sondern weit und weit­reichend. Und damit dann irgendwie doch wieder grenzenlos. Weil nämlich dieses Häufchen aus Stei­nen, Bäumen, Gras und Blumen inmitten eines Sees nur einen Quadratkilometer maß, war es schnell (vor allem für Kinderbeine) in jedem Winkel zu erkunden. Und davon gab es unzählig viele…

So klein die Landmasse namens Buchau auch war, so groß war die Vielfalt auf ihr. In der Mitte gab es einen kleinen Berg. Dort oben stand das „Lutscherhaus“. So nannten wir Kinder die kleine Hütte, in der der kautzige Platzwart Toni in seinem winzigen Geschäft die wichtigsten Lebensmittel verkaufte, die die Camper für ihren Inselalltag benötigten. Milch gab es in Tüten, frische Voll­milch nur auf der Nachbarinsel Wörth. Aber im­mer­hin brutzelte der Toni zum Wochenende Steckerl­fisch über offenem Holzfeuer. Und es gab na­tür­lich Lollies, die damals noch auf deutsch „Lutscher“ heißen durften und die dem Holz­häuschen seinen Namen gaben.

Auf der anderen Seite standen hohe Bäume, uralte Buchen, die der Insel ihren Namen gaben und die im Wind wundervoll wipserten, aber im Sturm auch bedrohlich rauschen konnten; wieder etwas dahinter eine verwunschene Wiese mit hohen Kräutern, Schafgarbe und Schirling.

Doch das Spannendste war das Ufer. Es war wie eine unsichtbare Mauer, die Eindringlinge abhielt. Diesseits waren wir in unserem eigenen friedlichen Inseluniversum, jensweits war die Alltagswelt, von der wir uns lediglich das traumhafte Panorama – den Blick auf die Alpen mit Karwendel und Ettaler Mandl – liehen. Mehr wollten wir von dieser Welt nicht. Und mehr brauchten wir auch nicht. Das Ufer war ein Zauberband aus goldenem Sand, farbigen Kieselsteien, ausgewaschenen Wurzeln, Schilfbüscheln und gelben Sumpfseerosen, die – wenn sie verblüht waren – sich in witzige grüne Schnautzen verwandelten…

Am Ufer waren wir nie allein: Es gab Hau­ben­taucher, Bleßhühner und jede Menge Enten: große Enten, kleine Enten, bunte Enten, braune Enten, Entenfrauen, Entenmänner, Entenkinder, Enten­familien, dazu Vögel und Fische, Schnecken, Würmer und Insekten. Sie wa­ren unsere Freunde, so wie das Ufer unser Freund war und unser Be­schützer. Ich er­innere mich noch ganz genau an das wohlige Ge­fühl, das jedes Mal in mir (und ge­wiß noch mehr in meinen Eltern) hochkam, wenn wir von unseren Ent­deckungstouren im Inneren der Insel an den See tollten, und das Ufer führte – egal ob man rechts oder links herum ging – uns immer „heim zum Zelt“. Es war so herrlich einfach: Während die Erwachsenen endlich Zeit für sich und ihre Campingfreunde hatten, durften wir Kinder stundenlang allein unterwegs sein und im wahrsten Sinne des Wortes spielend erwachsen werden.

Begrenzung einerseits, Vielfalt andererseits; – und dazu weit weg von der Außenwelt, das waren die „Zutaten“ für Inselzauber, dem wir Kinder erlagen. Rückblickend bin ich schnell geneigt, zu einem Superlatif zu greifen und zu sagen: Dies waren die schönsten Urlaube meines Lebens. Ich glaube schon, dass ich damit richtig liege. Wenn auch es sehr viele sehr schöne und schönste Urlaube in meinem Leben gab.

Eines ist aber gewiß: Es waren die außer­ge­wöhnlichsten Urlaube meines Lebens, die nicht nur mein künftiges Freizeit- und Ferienverhalten, son­dern mein ganzes Dasein prägen sollten…

Eigentlich war es nichts anderes als Fernweh und die Suche nach dem perfekten Inselidyll, was Heike Mallad auf die Seychellen brachte: 1998 verbrachte sie zum ersten Mal eine Woche auf den Trauminseln im Indischen Ozean.