Er ist wieder da – der „vannswet“, der Südost-Monsun!

14. Mai 2017
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Zunächst habe ich ihn kaum bemerkt. Das war vor wenigen Tagen, als wir Vollmond hatten. Plötzlich strich nachts ein kühles Lüftchen durchs Haus, aber nicht wie sonst, durch unser Fenster mit Meerblick, das nach Westen hinaus zeigt. Sondern durch die Tür, die sich nach Osten hin zum Tropenwald öffnet. Aaah, wie gut das tut. Wie frisch, wie erfrischend! Der Windhauch war zwar nur von kurzer Dauer, doch das wird jetzt öfter passieren. Der vannswet, wie der Südost-Monsun auf Kreolisch heißt, klopft an. Zunächst ganz sachte, leise. Dann immer häufiger, lauter. Und schließlich wird er, so weiß ich schon jetzt in dieser ersten Hälfte im Mai, in den nächsten drei, vier Monats stetig und stark die Inseln belüften.

In die hitzegeschwängerte Luft schleichen sich zunehmend Wellen aus Kaltluft ein. Kaltluft? Auf den Seychellen? Aber ja doch! Fast kommt es mir so vor, als hätte jemand im hintersten Winkel der Welt eine Tür zu einem Kühlhaus kurz auf- und dann schnell wieder zu­ge­macht. Mit diesem leisen Wind kommt nicht selten ein feiner leichter Regenschleier wie aus einem Zerstäuber. Den vielerorts immer noch zu lesenden Wetterbeschreibungen, dass wir uns jetzt angeblich in der Trockenzeit befinden, kann ich immer weniger Glauben schenken. Klar, es regnet nicht mehr so heftig und durchdringend wie in anderen Monaten, aber nicht selten sind tief hängende Wolken und Nieselregen unsere ständigen Begleiter in Zeiten des vannswet.

Das ist aber nicht der einzige Nachteil des Südost-Monsuns. Es gibt noch mehr missliche Umstände als das Dauergrau, nämlich Seegras an den Stränden und hohe Wellen auf dem Wasser. Die machen nicht nur seekrank, wenn man mit der Fähre Cat Coco zwischen Mahé und Praslin pendenlt, den Urlaubern das Baden schwer, das Schnorcheln bei schlechter Unterwassersicht fast unmöglich, sondern sie hemmen auch die Aktivitäten der Fischer. Während es sonst Fisch im Übermaß gibt, in großer Auswahl und kostengünstig obendrein…

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(Bei Rassoul in der Anse La Mouche)

…wird es nun immer schwieriger, bei schwerer See auszulaufen und Fischfang in üblichem Umfang zu betreiben. Die Folgen sind kapital: Die Preise für Fisch steigen und das Angebot schrumpft – Woche für Woche. Zeit, seinen Speiseplan umzustellen. Da niemand gern auf Fisch verzichten möchte, gibt es eine gewöhnungsbedüftige Alternative: pwason sale – gesalzener Fisch, dessen Geruch – sagen wir es ruhig vorsichtig: alles andere als frisch ist. Die halbierten Fischleiber wurden in den Monaten des Nordwest-Monsuns (zwischen Okt./Nov. und April/Mai) von allen Seiten gepökelt und dann auf Drahtmatten in der Sonne zum Trocknen ausgelegt.

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Lecker geht anders… sage ich, aber die Einheimischen schwören darauf und machen sich daraus ein deftiges kari – ein Curry-Schöpfgericht.

Ja – der  vannswet  ist schon etwas Besonderes. Erst sehnt ihn sich jeder nach der großen Hitze rund um Ostern herbei, dann geht er schon nach den ersten zwei, drei Wochen gehörig auf die Nerven. Mir jedenfalls. Und schon heute freue ich mich wieder auf seinen Abschied, doch da muss ich noch ein Weilchen – mindestens bis Mitte Oktober –  geduldig warten…

Sonntags am Strand, oder: Irgendwer hat immer Geburtstag

7. Mai 2017
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Endlich Wochenende. Endlich Sonntag. Sonntag wäre eigentlich ideal, um den ganzen Tag am Strand abzuhängen. Eigentlich… denn so wie ich denken wohl auch die restlichen 90.000 Seychellois und beginnen bereits zu früher Stunde mit einer verbesserten Handtuch-Liegen-Reservierungstaktik. Statt einfach nur mit Strandmatten wertvollen Platz am Wasser zu sichern, bringen sie gleich ganze Gartenmöbelgarnituren mit, die sie geschickt platzieren, um wertvolles Terrain zu sichern. Das reicht nicht aus, das Motto heißt: Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Uns so baumeln überall in luftiger Höhe zwischen den Palmen mehr oder weniger tiefhängende Leinen, die einem beim unachtsamen Strand-Begehen auch schon mal die Kehle durchtrennen können, wenn… wenn ja wenn nicht x Luftballons mit grellen Farben und Zahlen dort im Wind spielen. Daneben flattern neonfarbene Spruchbänder oder auch einfach nur Glitzer-Glitter-Buchstaben, die beim näheren Hinsehen „Happy Birthday“ bedeuten können. Ein p zu wenig macht uns nicht weniger glücklich und an dem falsch herum aufgehängten Ypsilon hängt sich keiner auf, bzw. daran stört sich kein Mensch.

Um halb elf die nächste Aktivitäten-Salve: Alte, aufgeschlitzte Fässer werden herbeigeschleppt. Damit nicht genug. Mehr oder weniger starke Halbstarke wuchten riesige Säcke herum, die hier auf der Insel gunnybag genannt werden. Darin ist Eis. Mir ist völlig schleierhaft, wer unter welchen Umständen auf einen Schlag so viele Eiswürfel produzieren kann, sodass sich diese alten Fässer wie von Zauberhand damit füllen. Und um elf kommen dann auch eindeutig zweideutige Getränke in diese Eissärge hinein. Bier wäre harmlos, meist sind es hochprozentige Gesöffe wie Rum oder Calou oder Bacca.

Soweit so gut!

Doch dann – gegen halb zwölf – wird es noch eine Stufe ernster: Unter den Happy-Birthday-Buchstaben schnarrt es merkwürdig. Nein, es sind nicht die trouloulou – die Strandkrebse – die sich brummend ein Loch in den weißen Sand buddeln. Es sind Notstromaggregate, die allmählich ihre Arbeit aufnehmen, um dann pünktlich zum Mittagessen die Beschallung aus kühlschrankgroßen Lautsprecherboxen vorzunehmen. Wäre alles gar nicht so schlimm, gäbe es nicht zwei Probleme – GRAVIERENDE Probleme: 1) Alle am Strand anwesenden Festgemeinden – und davon gibt es mittlerweile vier – haben ihre eigenen Musik-Präferenzen. Aus der einen Ecke dudeln karibische Reggae-Rhythmen, aus der anderen kommen vertraute Sega-Tänze, in der Mitte prasseln Country-Melodien auf uns ein und dazwischen – irgendwo dazwischen – knallt aggressiver Afro-Rap aus den Büschen.

Spätestens jetzt wäre ich schon längst geflüchtet, wäre da nicht dieser hinreißende Duft nach gegrilltem Fisch. Ich gehe auf die Pirsch und entdecke einen Feuerstelle, die mit einer alten Waschmaschinen-Trommel upgegradet wurde. Sie dient nun als Grill für Makrelen. Das unbeschreibliche Aroma macht mich fast ohnmächtig…

Doch dann plötzlich Geschreie, Gezeter, Gebrüll – zwei Party-Gemeinden liegen miteinander im Clinch und schreien sich mächtig an. Flaschen (leer oder voll? Ich hoffe leer… erst Seybrew, dann Takamaka-Rum), die vorher nur mehr oder weniger züchtig in der Runde gekreist sind, fliegen jetzt im hohen Bogen. Die Lutballons zerplatzen. Zwei Geburtstagsparties geraten völlig aus dem Ruder. Das sieht nicht gut aus… gar nicht gut. Spätestens jetzt suche ich das Weite.

PS: Auch ich habe heute Geburtstag – ich bleibe lieber auf der Terrasse und bin froh, dass wir den indischen Bautrupp da unten an der Biegung der Straße überzeugen konnten, ausnahmsweise heute mal nicht mit dem Presslufthammer die Felsenarbeiten fortzusetzen. Himmlische Stille. Der Regen ist meine Musik. Mir geht es gut.

Allergie-Alarm: Seidenspinner auf dem Vormarsch!

1. Mai 2017
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Hier kommt ein Update zum leidigen Thema „Seidenspinner-Plage“. Auch wenn es vor ca. einem viertel Jahr den Anschein hatte, dass sich die Seidenspinner-Raupen allmählich verflüchtigen würden, sind sie nun heftiger denn je zugange. Die Viecher heißen „senir plim“ auf kreolisch – aber ich schreibe sie stets „senil plim“, weil ich nicht verstehe, wie sich in das ursprüngliche französische „chenille“ ein „r“ einschleichen konnte – aber das nur am Rande. Auf den Seychellen sind sie auch in ihrer englischen Version „hairy caterpillar“ (haarige Raupe) bekannt.

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Tatsache ist, dass die eigentlich recht possierlichen Raupen sich abermals sprunghaft vermehrten und (vor allem auf  den größeren Inseln wie Mahé, Praslin oder La Digue) ihre stechenden Härchen hinterlassen – egal, ob sie noch leben oder schon längst tot sind. Der Wind reicht aus, um die einzelnen, hauchdünnen, seidigen Flusen in alle Himmelsrichtungen zu tragen.

Ich selbst leide fürchterlich unter allergischen Schüben, die vom aggressiven Giftstoff der Härchen ausgelöst werden. Schrecklicher Hautausschlag mit seinem kontinuierlichen Juckreiz bringt mich fast um: Entweder es sind einzelne großflächige rote Placken, die vor allem an den weichen Hautteilen auftreten (z.B. Innenseite der Oberschenkel, innere Unterarme, Popo) oder es sind zahlreiche kleine Pusteln mit nässenden Kratern (z.B. hinterm Ohr, Haaransatz, im Nacken, ja sogar an Händen und Füßen). So friste ich mein Dasein als trauriges, pickeliges Warzenschwein.

Was war also in den letzten Wochen passiert? Da die Seidenspinner-Raupen hohe Bäume mit großen, dichten Blättern zum Fressen gern haben, hatten sie sich meist Mango, bodanymen (Terrassenbäume bzw. Strandmandeln) oder auch Hibiskus-Büsche ausgesucht. Und da diverse Giftspray-Aktionen seitens der seychellischen Behörden nur teilweise nutzten, sich aber die Raupen weiter in diesen Pflanzen niederließen, legten die Bewohner schließlich selbst Hand an und schlugen die Bäume und Büsche in Windeseile kurz und klein. Die Seidenspinner-Raupen sind dann schließlich auch nicht ganz blöd: Diejenigen, die den Kahlschlag und die Giftattacken überlebt haben, gingen gestärkt und resistent aus dem Ausrottungsversuch hervor und suchten sich kurzerhand neue Pflanzen, in denen sie nun ihr Unwesen treiben und sich natürlich auch wieder vermehren. Besser denn je…

In der Bevölkerung macht sich Murren und Klagen breit, und zwar so, dass selbst ich es hören kann. Man rät mir, dass auch ich meinen geliebten Terrassenbaum umlege, aber ich denke nicht dran. Klar – ich leide unter der Seidenspinner-Allergie, aber ich weiß auch, dass Bäumefällen nun wirklich nichts bringt. Was aber würde helfen?

Wehret den Anfängen! Verwehrt den Raupen, auf den Seychellen Fuß zu fassen, denn bis vor zwei Jahren waren sie doch gar nicht hier!!! Generell hilft gewiss das bisherige Verbot, Pflanzen bzw. pflanzliche/tierische Produkte auf den Seychellen einzuführen. Aber wie sieht das in der Praxis aus?

Beispiel 1: Jüngst in der Condor-Maschine von Deutschland auf die Seychellen … ordnungsgemäß wurde die Kabine vom deutschen Personal ausgesprüht. Der Health Officer, der nach Landung auf dem Internationalen Flughafen von Mahé an Bord kam, meinte jedoch: Dieses Spray würde nix nützen, und so wurde nochmals gesprüht. Mit einem vermeintlich besseren… (so wollen wir wenigstens hoffen, doch eine Frage bleibt offen: War das deutsche bzw. europäische Spray wirklich für umsonst?!?!)

Beispiel 2: Die nächste Maschine von Dubai kommend wurde überhaupt nicht ausgesprüht. Zeugen gibt es zahlreiche.

Beispiel 3: Die Cargo-Ladungen, bestehend aus großen Holzkisten und anderen Verpackungen wurden zwar kontrolliert, aber… wurden dort auch die Eier-Gelege gefunden, die der kleine clevere Seidenspinner hier abgelegt hatte?

Böse Zungen behaupten, dass diverse Insektenplagen über Importe ins Land kämen, die nichts mit den Passagiermaschinen zu tun hätten, sondern mit eingeführten Pflanzen oder Möbeln oder Baustoffen, die einfach ohne unzureichende Kontrollen ihren Weg auf die Inseln fänden. Ich bin weit davon entfernt, irgendjemand für das Desaster verantwortlich zu machen – aber ich bin tief betroffen, wenn die kleinen Kliniken in den einzelnen Buchten nicht mehr Herr der Lage sind, oder wenn mich verzweifelte Mütter anschreiben, die nicht wissen, welche Medizin sie ihren Kindern verabreichen sollen, wenn diese an einer Seidenspinner-Allergie leiden. Zumal dann zumeist die Apotheken geschlossen haben oder es kaum irgendwo anders Hilfe gibt.

Fazit: Spreche ich für mich selbst, so schaffe ich es irgendwie, mit der Allergie klar zu kommen, auch wenn mich immer wieder mal Fieberschübe und Schüttelfrost quälen – aber was juckt mich angesichts dieser wunderbaren Natur, dieser Harmonie zwischen Meer, Palmen und Felsen diese kleine, blöde haarige Raupe, oder?

Doch etwas treibt mich um: Was machen all die anderen, die viel Geld ausgeben, um hier auf den Seychellen einen Traumurlaub zu verbringen? Denen rate ich, auf keinen Fall sich die Haare zu raufen (das machen schon die Seidenspinner mit ihrem haarigen Pelz), sondern sie sind gut beraten, sich daheim mit Arzt und Apotheker abzusprechen. Ein paar Mittelchen gibt es, die weiterhelfen – sei es ein wirksames Anti-Histaminikum, Hydro-Cortison-Salbe oder sogar Cortison nach Anweisung. Klar, dass ich hier nur Hinweise aus eigener Erfahrung geben kann und keine Haftung übernehmen kann. Aber irgendeinen Ausweg gibt es immer – und verzweifeln muss keiner.

Blackout im Paradies

28. April 2017
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Auf den Seychellen ist es mit der Pünktlichkeit so eine Sache. Alles ist es langsamer, gemächlicher und mit exakten Zeitangaben nimmt es keiner so genau. Eigentlich gibt es nur eine einzige Ausnahme: die Cat Cocos. Auf die Minute pünktlich legt die Fähre ab, da gibt es kein Pardon. Aber seit gestern weiß ich: Es gibt noch eine weitere Angelegenheit, die nach exaktem Zeitplan abgewickelt wird – nämlich dann, wenn der hiesige Elektrizitätsversorger den Strom abstellt.

Pünktlich um 9.00 Uhr hieß es gestern nämlich power cut.

Hätte ich die Zeitung gelesen, ja hätte ich nur… denn da wird immerhin brav angekündigt, wann es wieder mal soweit ist mit dem Stromabstellen. Natürlich fällt auch ab und zu immer mal wieder einfach nur so der Strom aus, z.B. wenn es tagelang regnet oder ein heftiger Sturm über die Insel fegt oder wenn irgendein Waldarbeiter etwas zu grobmotorisch bei den Baumfällarbeiten mit der Motorsäge umgeht und den Elektrizitätsmast gleich mit umnietet oder eine Leitung durchtrennt.

Doch dieses Mal war mir sofort klar: Das war kein wetterbedingter dummer Zufall, denn Schlag neun plötzlich alles dunkel wird, dann ist das ein geplanter, ja vorsätzlicher Blackout.

Ich entschließe mich also, lieber auf Nummer Sicher zu gehen und abzuklären, wie lang am Paradies das Licht ausbleibt und rufe PUC über die Hotline an. Immerhin funktioniert mein uraltes Telefon über Festnetz auch ohne Strom. Ich lande in der Warteschleife: „All our agents are busy, please try later“. – Ha, war ja klar. Beim zweiten Versuch hebt erst gar niemand ab. Beim dritten Mal: „All our lines are busy, estimated waiting time is more than 5 minutes.“

Aha, da haben dann wohl more than 5 people gemerkt, dass etwas nicht stimmt und wollen Klarheit, genauso wie ich.

Irgendwann klappt es dann doch und ich komme durch. Bevor ich meinen Satz bzw. meine Frage zu Ende bringen kann, sagt eine immerhin freundliche Telefonistin, dass power cut im gesamten Süden von Mahé sei. Mir schwant nichts Gutes. Das klang so endgültig. Auf die bange Nachfrage, wie lange denn, kommt eine klare, nicht verhandelbare Aussage: bis 16.00 Uhr. Punkt. Sie faselt dann noch etwas von essential work and usual maintenance und dass doch alles in der Zeitung angekündigt worden wäre.

Zeitung hin oder her, mir jedenfalls wirbelt es meinen Tagesplan komplett durcheinander. Waschen wollte ich, aber die Waschmaschine funktioniert mit Strom. Haare waschen wollte ich, doch der Boiler zur Heißwasser-Aufbereitung funktioniert mit Strom. Zur Bank wollte ich, doch der Geldautomat funktioniert mit Strom. Am Laptop wollte ich länger als nur ein, zwei Stunden arbeiten, doch das Akku-Aufladen funktioniert mit Strom. Tanken wollte ich auch, doch die Zapfsäule an der Tankstelle funktioniert mit Strom.

Mir wird klar, wie vieles im normalen Leben mit Strom funktioniert und wie vieles ach so selbstverständlich ist. In den Tropen gewinnt diese Einsicht plötzlich an Gewicht.

Auch der Kühlschrank funktioniert mit Strom. Und das Gefrierfach erst recht. Also immer mit Bedacht auf und zu machen. Wie gut nur, dass ich einen Gasherd habe und mir eigentlich mein kari poul – mein Hühnchen-Curry – kochen kann…

Eigentlich…, denn ich dazu noch dringend ein paar Zutaten und muss deswegen einkaufen. Bei meinem kleinen Inderladen funktioniert leider auch alles nur mit Strom, vor allem die Ladenbeleuchtung. Und deswegen tappe ich erstmal im Dunkeln, als ich durch die sperrangelweite Tür trete, an der sonst das flimmernde Open-Schild mich begrüßt. Heute nur gequält lächelnde Verkäufer. Mit der Handy-Taschenlampe sieht man klarer, aber im hintersten Winkel des Ladens ist es stockdunkel, bis…

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bis, ja bis ich im Schein einer Kerze, die  auf der Tiefkühltruhe klebt, endlich wieder den Durchblick bekomme. Wie einfach! Und wie effizient! Und plötzlich lerne ich das warme Licht einer kleinen Flamme richtig zu schätzen. Dass ich die Zwiebeln, den Ingwer und den Knoblauch finde, ist fast schon Nebensache.

Dass ich heute auch anschreiben lassen könnte, weil die elektronische Kasse nicht funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich genieße Vertrauen, was mich stolz und glücklich macht. Und die Erkenntnis, dass man bei einem Blackout nicht unbedingt gleich schwarz sehen muss, nur weil mal was nicht Plan läuft, gibt es gratis on top und macht mich gelassener. Viel gelassener… zumal ich weiß, dass pünktlich um vier Uhr nachmittags der Strom wieder angestellt wird.

PS: Der Strom kam sogar schon um zwanzig vor vier, denn anscheinend war es den Arbeitern zu heiß und sie wollten schnell in den verdienten Feierabend.

„Bonn anniverser, Annegret Bollée!“ Zum 80. Geburtstag der Grande Dame der Kreolistik

4. März 2017
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Die Seychellois sprechen viel, und sie sprechen laut. Dieser Teppich aus Stimmengewirr ist immer und überall auf den Inseln ausgelegt. Er ist gewebt aus Kreolisch, Englisch und Französisch.

Wer sich sprachlich den Einheimischen nähern will, dem sei empfohlen, ein paar Brocken Seychellen-Kreo­lisch zu lernen. Es ist nicht schwer! Fast jeder Reiseführer für die Seychellen hält im Anhang ein kleines Glossar mit den wichtigsten Vokabeln be­reit. Mittlerweile gibt es auch einen kleinen Sprach­führer aus der Reihe „Kauderwelsch“, der zwar von Sprachwissen­schaftlern (zu Recht) belächelt wird, der aber dem reisenden Otto Normalverbraucher Angst vor dem Lernen einer fremden Sprache nimmt.  In ihm habe ich das Zitat von William Travis aus dem Jahr 1959 gelesen: „Die Seychellen sind zwar eine britische Kolonie, aber die Leute sprechen kaum Englisch hier. Die Lingua franca ist ein primitiver kreo­lischer Dialekt, der wenig oder gar nichts mit dem Französischen gemein hat … Das Kreolische hat keine Ge­schichte, es kann sich nicht weiterent­wickeln und auch keine Literatur hervorbringen. Als Sprache ist es ohne jede Bedeutung“.

Wie bitte??? Der gute Herr Travis mochte zwar Ahnung von der Tiefsee haben, beim Eintauchen in die Sprache der Seychellois hat er sich aber gewaltig den Kopf am flachen Grund gestoßen…

Was kaum einer weiß: Ausgerechnet eine deutsche Professorin – dazu noch beheimatet an der Universität meiner Stadt Bamberg – war es, die den Seychellen in gewisser Weise zu ihrer sprachlichen Identität verhalf. Annegret Bollée wird heute 80 Jahre alt.

Erst seit vier Jahrzehnten gibt es so etwas wie ein sprachliches „Nationalbewusstsein“ auf den Seychellen. Wie kam es dazu? Der Auslöser hierfür liegt in den frühen 1970er Jahren, als Annegret Bollée gerade dabei war, sich auf ihre anstehende Habilitation vorzubereiten. Genauer gesagt, war es eine Konferenz an der Universität Köln, die ihr sprachwissenschaftliches Interesse an den Kreol-Sprachen im Allgemeinen weckte. Als sie dann über Stationen auf Mauritius und Réunion sich den Seychellen und der dort existierenden Sprache näherte, war die Forschungslage total unübersichtlich, oder besser gesagt: überhaupt nicht vorhanden. Zunächst einmal näherte sich Annegret Bollée dem kreol seselwa über Märchen und mündlich überlieferte Erzählungen, die seinerzeit in der „Creole Hour“ noch im Radio ausgestrahlt wurden. Daraus wurden dann „kreolistische Ausflüge“ und Forschungsaufenthalte auf den Inseln, die noch das Prädikat „Abenteuer“ verdienten. Mit Tonbändern bewaffnet, so ging es damals auf Feldforschung und umfangreiche Sprachaufzeichnungen, Auswertungen und Analysen standen auf dem Programm. Darauf aufbauend erfolgte das schwierige Stadium, dieser Sprache eine eigene Orthografie zu geben. Als zudem Annegret Bollée 1977 schließlich den Grundstein für eine Grammatik legte, diese dann gedruckt in Händen hielt, war der sichtbare Beweis erbracht: das kreol seselwa ist nicht irgendeine Missgeburt unter Dialekten, nein – es ist eine eigenständige Sprache.

Verschriftung war das Zauberwort! Und so gibt es dank der Arbeit von Annegret Bollée nicht nur eine Orthographie und eine Grammatik – auch das erste Buch in seselwa kreol, das je erschien, hatte sie auf den Weg gebracht. Dennoch, obwohl sie soviel für diese Sprache geleistet hat, war die Resonanz bei den Einheimischen ernüchternd. In einem Interview sagte Annegret Bollée auf die Frage: „Hat man Ihnen dies auf den Seychellen in irgendeiner Weise gedankt?“: „Nein, das kann ich ganz klar verneinen“ (Quelle, siehe unten, Seite 208). – Was sie aber dennoch nicht davon abhielt, weiter über das kreol seselwa zu forschen. So entstand das Dictionnaire étymologique des créoles français de l’Océan Indien (DECOI): ein ganz spezielles Wörterbuch, mit dem die Herkunft des Vokabulars geklärt werden kann, das uns überall auf den Inseln begegnet.

Doch Kreolisch existiert nicht nur auf den Seychellen, sondern wird – jeweils in unterschiedlicher Form – rund um den Äquator gesprochen: in der Karibik auf Dominica, Guadeloupe, Haiti, Martinique und St. Lucia, westlich von Afrika auf den Kapverdischen Inseln, östlich von Afrika auf den Inseln des Indischen Ozeans. Der Ursprung des Seychellen-Kreol liegt irgendwo rechts von Ma­dagaskar, in einem Gebiet, das sich als Mascarenen in den Geographiebüchern finden lässt. Der Grundstein für dieses »Prototypen-Kreo­lisch« wurde mit der französischen Koloni­sation der bis dato unbewohnten Insel La Réunion im Jahr 1665 gelegt. Die neuen Herren beschafften sich Sklaven, und da auch damals schon Kosten­senkungspotenziale ausgeschöpft werden mussten, wählten sie eine seinerzeit durchaus als günstig zu bezeichnende Beschaffungsquelle: Madagaskar.

Wenig später kamen Inder und Indo-Portugiesen dazu, die bereits um die Jahrhundertwende, also um 1700, annähernd ein Viertel der versklavten Bevölkerung ausmachten. Damit nicht genug: Die­ses Völkergemisch wurde angereichert durch den gezielten »Import« von Schwarzen. Sie stammten aus anderen Teilen Afrikas, vor allem aus Mo­zam­bique. Da die Kolonialherren auf starke und leis­tungsfähige Arbeitskräfte auf ihren Zucker­rohr- und Vanilleplantagen bedacht waren, wollten sie die Debilität fördernde Inzucht unter den Sklaven vermeiden. Sie sorgten sogar für frisches Blut aus Guinea. – Das kreolische Vielvölkervolk war ge­boren. Und genauso schnell, wie es in nur we­nigen Jahrzehnten zusammen­gewürfelt wurde, genauso schnell entwickelte sich das Kreolische. Also (zum Bedauern der Sprachwissenschaftler) keine Sprache mit jahrhundertlanger Evolution und Tradition – ganz im Gegenteil! Wir haben es beim Kreolischen mit einer sehr jungen Sprache zu tun, denn damals musste in Windeseile ein Sprach­vehikel her, so dass sich nicht nur die Kolonial­herren mit ihren Sklaven, sondern auch diese untereinander verstän­digen konnten.

Die ersten davon, die die Seychellen erreichten, waren die Begleiter von ungefähr einem Dutzend französischer Siedler. Sie landeten auf der Haupt­insel Mahé am 27. August 1770 – genauer gesagt, landeten sie vor Mahé im heutigen Wasser­schutzgebiet und Nationalpark Sainte Anne und bauten auf der gleichnamigen kleinen Insel ihre erste Plantage. Sie kamen aus Mauritius und brachten von dort als praktisches Souvenir das mittlerweile hundertjährige Kreolisch auf die Seychellen mit. So entstand zunächst beinahe unbemerkt eine ganz besondere Sprache, die in dieser Form weltweit einzigartig ist: das Seychellen-Kreol. Es gehört zu den französischbasierten Kreolsprachen, den sogenannten „Frankokreolsprachen“.

Was es damit auf sich hat? Es ist eine Sprache, die nur entstehen konnte, weil die Sprache der französischen Kolonialherren auf die ihrer afrikanischen Sklaven prallte. Die mussten sich – ob sie wollten oder nicht – irgendwie mit ihren Herren arrangieren. Deswegen geht Annegret Bollée davon aus„…, dass die Kreols einschließlich ihrer Grammatik aus Basissprachen entstanden sind…, die Frankokreols aus dem Französischen, dem gesprochenen Französisch der Kolonialzeit“ (Quelle siehe unten, Seite 198).

Doch Annegret Bollée ging es nie nur um die Sprache. Stets hatte sie das Schicksal der Menschen im Auge. Mit viel Engagement setzte sie sich für einen Imagewandel und die Aufwertung des seselwa kreol ein, das stets unter dem Stigma einer „Sklavensprache“ litt und nicht so recht einen etablierten Platz im Bildungssystem finden wollte. Das Vorurteil, dass das seselwa kreol primitiv sei und sich weit davon entfernt befinde, den Status einer „richtigen Sprache“ einzunehmen, versucht  sie bis heute mit ihrer wissenschaftlichen Forschung zu entkräften.

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Bollée, Annegret: Beiträge zur Kreolistik. Herausgegeben sowie mit Vorwort, Interview, Schriftenverzeichnis und Gesamtbibliographie versehen von Ursula Reutner als Festgabe für Annegret Bollée zum 70. Geburtstag,  hier: „Kapitel V. Im Gespräch mit Annegret Bollée, S. 189 – 215, Verlag Buske/Kreolische Bibliothek 21 Hamburg 2007 – nachzulesen im Web-Schriftenverzeichnis von Ursula Reutner

Gelb ist nicht gleich Gelb: Warum Kurkuma kein Safran ist…

26. Februar 2017
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Wer sich in die Seychellen verliebt, tut es nicht unbedingt nur wegen Land und Leute, sondern auch wegen kreol kwisin – der typisch kreolischen Küche. Liebe geht schließlich durch den Magen.

Eines der wichtigsten Zutaten ist ein farbintensives Gewürzpulver. Oder sollte ich besser sagen: Puder? So samtig und fast staubig kommt es daher, so zart und fein, dass es sich nicht nur perfekt an die Speisen anschmiegt, sondern überall seine Spuren hinterlässt – auch da, wo es eigentlich nicht hinsollte, z.B. an Haut und Kleidung. Die Flecken gehen dann so gut wie nicht mehr raus… Und wenn ich damit koche, verfärben sich sogar meine Fingernägel, zum Glück nicht auf Dauer! Aber das ist auch schon das einzig Negative an diesem Zeug, denn diese knalligfarbene Zauberzutat ist nicht nur extrem schmackhaft, sondern auch gesund und ein Fatburner obengleich! Ein Alleskönner –  Kurkuma, ohne das auf den Seychellen nichts geht, zumindest nicht in der Küche. Denn hier würzt es fast jede Speise, vor allem die leckeren Curry-Gerichte

Kurkuma – was ist das eigentlich? Zunächst einmal ist es eine recht gewöhnliche Tropenpflanze, die überall rund um den Äquator wächst. Sie hat hübsche lange grüne paddelähnliche Blätter, eine schnuckelige weiße Blüte, die aufrecht wie eine Fackel steht und sieht insgesamt äußerst adrett aus. Ihre wahren Werte aber liegen unter der Erde – in ihrer Wurzel. Kein Wunder, dass Kurkuma auch Gelbwurz genannt wird. Mancherorts heißt sie auch Safranwurz, aber mit dem kostbaren Safran, das aus den Blütenstempeln von Krokussen gewonnen werden, hat sie nichts zu gemeinsam – bis auf ihre intensive goldgelb-orangene Farbe.

Vielleicht auch deswegen heißt Kurkuma auf den Seychellen einfach safran – was sogar fett auf den kleinen Gewürzschachteln in fetter Schrift aufgedruckt steht.

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Kein Wunder, dass selbst gestandene Journalisten – jüngst geschehen in der WDR-Reportage „Traumhaft schön“ (5.2.2017) – auf diesen „Etikettenschwindel“ hereinfallen. Aber jeder, der sich ein bisschen in Küchenkunde auskennt, würde schon beim Kauf von seychellischem safran merken, dass es gar kein echter Safran sein kann, so günstig ist das Gelbwurz-Pulver auf der Insel. Im Übrigen verbirgt sich auch der kleine englische Zusatz turmeric powder auf der Schachtel, und die deutsche Übersetzung heißt eben nichts anderes als – KURKUMA.

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so recht, wie ich den Geschmack von Kurkuma beschreiben soll – eine eigenartig bitter-erdige Schärfe hat es. Fast neige ich dazu, es so ähnlich einzustufen wie Curry oder Masala. Doch hiervon gibt es x verschiedenen Variationen und viele seychellische Haushalte haben da ihre eigene Mischung – geheim, versteht sich.

Deswegen verzichte ich auf weitere Recherche hinsichtlich dieser Zusammensetzung, kaufe Kurkuma entweder in den obigen Schachteln oder in kleinen Tütchen und verwende es gern pur, z.B. wenn ich aus den seychellischen Kürbissen eine Suppe zaubere oder wenn ich Auberginen habe, die ich dann als bennyen brenzel in einem Bierteig ausbacke, den ich natürlich mit Kurkuma würze.

Und bei diesem ganz einfachen Essen merke ich dann: Geld macht nicht glücklich – GELB macht glücklich!

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Rezept für bennyen brenzel

(„Gebackene Auberginen“, für 2 Portionen)

  1 dicke Aubergine
  1 Ei, etwas Mehl, ca. ½ Glas Bier, Salz und Kurkuma nach Belieben
Öl, Salz und Küchenpapier

Aubergine in ca. 5-7 mm dicke Scheiben schneiden, salzen und warten, bis Wasser austritt; dieses dann abtupfen. Ei trennen, Eiweiß zu steifem Schnee schlagen, Eigelb mit Bier schaumig rühren, soviel Mehl einrühren, bis ein leicht zähflüssiger Teig entsteht, dann Eiweiß unterheben, Salz und Kurkuma dazugeben und nochmals leicht aufschlagen. In einer großen Pfanne Öl (noch besser: Kokosfett/Palmin) erhitzen, dann Auberginenscheiben in Teig wälzen und vorsichtig goldgelb ausbacken. Auf Teller mit Küchenpapier geben und entfetten.

Dazu passt ein Dipp, ein Chutney oder eine fruchtige „sos kreol“ aus geschmorten Zwiebeln, Ingwer, Knoblauch, Chili, Kreuzkümmel und passierten Tomaten.

 

Glanz und Gloria vergangener Tage: das Mahé Beach Hotel

21. Februar 2017
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Es war einmal – ja, es war einmal eine Zeit auf den Seychellen, in der es einen ganz besonderen Hauch von Extraklasse gab, einen Glanz längst vergessener Tage…

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Glamour und Paradies – das passte schon immer gut zusammen. Kein Wunder, dass es auch schon vor zehn, zwanzig Jahren einen Platz gab, der all das vereinte, und noch ein bisschen Luxus on top versprach: das Mahé Beach Hotel an der Westküste der Hauptinsel gelegen, in der ruhigen Buchtenlandschaft von Port Glaud.

Was war hier nicht alles los?! Die mächtigsten Männer des Indischen Ozeans, Afrikas und der Welt trafen sich hier, der schönsten der schönsten Frauen des Universums auch– die Miss-World-Wahlen fanden 1998 hier statt, sämtliche Staatsempfänge und Bankette, Hochzeiten und Feiern zu offiziellen Anlässen – das Mahé Beach war genau der richtige Ort für Sehen und Gesehen werden.

Und mit einem Schlag war alles aus; es muss irgendwann um 2008 gewesen sein. Das begehrte Hotel und das noch begehrtere Grundstück am Meer mit grandiosem Ausblick haben sich – wie schon öfter – die Araber unter den Nagel gerissen. Ausverkauf der Insel? Ich war seinerzeit optimistisch, hoffte auf Renovierung und Wiedereröffnung in neuem Glanz. Doch dazu kam es nicht. Bis jetzt jedenfalls nicht.

Das Hotel zerfiel, Fenster wurden herausgestemmt, Badewannen und Toilettenschüsseln ebenso, den Lampen ging da Licht aus, und gehen musste auch das Mobilar, na klar…

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…doch vieles blieb zurück – so, als wären gerade eben die Angestellten nach Hause gegangen. Offene Reservierungsbücher liegen genauso herum wie Telefonhörer neben ihren vorsintflutlichen Apparaten.

Doch das Hotel selbst steht noch – wenngleich auf deutlich wackeligeren Beinen als früher…

Schon immer wurde über das Aussehen und das Äußere des „Mahé Beach“ gespottet: ein gruseliger Beton-Bunker sei es, ein sozialistischer Protzbau – überhaupt, das hässlichste Hochhaus am schönsten Fleck der Welt.

Mag sein.

Ich jedoch liebe das Hotel – und wundere mich selbst darüber. Schön ist es nämlich wirklich nicht.

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Aber eigentlich hätte es das Zeug, zu einer Art „National Monument“ erklärt zu werden; allein schon wegen seines Äußeren. Mit etwas Fantasie empfindet es nämlich – vielleicht etwas postmodern angehaucht – die Form der Hauptinsel Mahé nach. Und nicht zuletzt wegen seiner Bedeutung für das einstige gesellschaftliche Leben auf den Seychellen hätte es einen besseren Lebensabend verdient. Vergleiche zu anderen wichtigen geschichtsträchtigen Gebäuden in Europa drängen sich auf – Erichs Lampenladen bzw. der „Palast der Republik“ in Berlin oder das Patarei-Gefängnis in Tallinn/Estland.

Für das „Mahé Beach“ ist der Verfall vorprogrammiert – mittelfristig jedenfalls. Zwar wollten es die neuen Eigentümer komplett abreißen, doch man munkelt, es sei kein schlüssiges Konzept vorgelegt worden, wie die immensen Brocken von Beton-Müll hätten entsorgt werden können. Angst ging um, alles würde im Meer landen. Die Angst war berechtigt, und sie ist es immer noch.

Ich wünschte mir, es bliebe so, wie es ist, einfach erhalten. Wie wundervoll die Paarung des morbiden Charme mit den Kalenderblatt-Klischees von makekllosen Stränden und Insel-Idylle. Es gäbe viele Idealisten, die wüssten, wie man den alten Kasten richtig in Szene setzt. Momentan sind es nur Meer und Sonne, die es mit Licht und Luft liebkosen und die Wunden lecken…

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Achtung: Wer auf Internet-Portalen wie holidaycheck.de immer noch Bewertungen zum „Mahé Beach“ aus den letzten Monaten und Jahren findet, der muss genauer hingucken! Denn das „Mahé Beach“ hatte eine verwirrende Gemeinsamkeit mit dem „Beau Vallon Bay“, was zu Verwechslungen führt(e) – beide Unterkünfte gehör(t)en zur gleichen Hotel-Kette Berjaja. Und aus diesem Grund gehen bisweilen die Kommentare ganz schön durcheinander. Fakt ist, dass holidaycheck.de zwar noch immer das „Mahé Beach“ gelistet hat, die Kommentare sich aber definitiv auf das „Beau Vallon Bay“ beziehen!

Der Vollmond, das Wetter und die seychellischen Bauernregeln

16. Februar 2017
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Wie überall auf unserer Welt, so gibt es auch hier auf den Inseln geheime Gesetze, die alles zusammen halten. So auch die Sache mit dem Vollmond. Eine der uralten seychellischen Regeln lautet: „Drei Tage nach Vollmond schlägt das Wetter um“. Aber bitte schön, in welche Richtung? Die Einheimischen sind sich einig: In den Zeiten des Nordwest-Monsum kommt drei Tage nach Vollmond richtig doller Regen. In den Zeiten des „vannswet“ (Südost-Monsum) klart drei Tage nach Vollmond das Wetter auf.

Wir haben Mitte Februar:
Wir haben die Zeit des Nordwest-Monsuns.
Und wir haben drei Tage nach Vollmond.

Deswegen war es heute Nacht nicht verwunderlich, dass es plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterstem Himmel das Regnen anfing. Nein, nicht so ein duseliges Getröpfel! Sondern ein richtiger Guss, so laut, so heftig, dass an Schlaf zunächst einmal nicht mehr zu denken war. Ha, das musste er sein – dieser Wetterwechsel!

Ich beginne zu überlegen, versuche sonstige meteorologische Phänomene auszumachen, um meine Theorie vom nahenden Sonnenverzicht zu untermauern. Schlechtwetter-Periode im Anmarsch? Ja, da waren doch gestern im luftigen Blau des Himmels tatsächlich zweieinhalb Cirrus-Wolken zu sehen…

Kein Wunder, dass der Regen unüberhörbar heftig über den Inseln hereindonnerte. Ich stellte mir vor, wie grau die Welt ist, wenn ich heute Morgen aufwache, doch dann das hier…

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… und alles ist gut, denn der Nordwest-Monsun hat mit seinem reinen Atem die Inselwelt einmal ordentlich durchgepustet, für Frische gesorgt  und die seychellischen Bauern hatten mit ihren Regeln einfach wieder mal Unrecht!

Kleiner Nachtrag – 17.2.2017 – 11.46: UUUUUPPPS – die seychellischen Bauern hatten doch recht!!! Seit 12 Stunden regnet es ununterbrochen! Und kein Ende in Sicht – nur Wolken und Tropfen in den Tropen!

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Die „Inner Seychelles“ – über Mont Plaisir von Küste zu Küste

15. Februar 2017
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Wie heißt es doch so schön: Wahre Schönheit kommt von innen!

Aber wer auf die Seychellen reist, sucht vor allem eines, nämlich das oberflächliche Klischee: den perfekten Strand, den weißesten Sand, das klarste Wasser. Das kann er alles kriegen, und zwar mehr als genug.

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Doch es gibt mehr als Meer. Weitaus mehr „Mehr“. Das liegt versteckt zwischen den Küsten, in den Bergen und in den tief eingeschnittenen Tälern, hinter dichten Mauern aus Urwald und zwischen riesigen Felswackern aus Granit.

Die Seychellen – wie sie kaum einer kennt!

Die Seychellen – ein Schatzkästchen voll wertvollster Überraschungen!

Machen wir uns auf zu einer Entdeckungstour!

Suchen wir uns einen dieser hintersten Winkel und erkunden wir das Land, wie es wirklich ist: die „Inner Seychelles“. Ich meine hier nicht: die inneren Seychellen-Inseln (die wichtigsten davon sind: Mahe, Praslin, La Digue, Cerf, Bird Island, Curieuse, Silhouette, North, Cousin, Marianne, Felicite, Aride), sondern ich meine buchstäblich: das Innere der Seychellen. Also genau das entdecken, was das Innere, den Herzschlag der Inseln ausmacht. Das geht am besten zu  Fuß, auch wenn es anstrengend ist. Niemandem kann ich empfehlen, auf eigene Faust durch die tiefen Wälder zu streifen, aber meine kleine Tour ist gut geeignet für Menschen mit einer – sagen wir mal – durchschnittlichen bis guten Kondition, mit festem Schuhwerk und ausreichender Wasserversorgung. Die Tour führt von Westküste nach Ostküste, immer der Straße entlang. Das tut den sich offenbarenden Schönheiten der Natur keinen Abbruch, denn es ist eine kleine Straße, wenig befahren und weit ab vom öffentlichen Pulsschlag.

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Wir sind auf Mahé, im Süden der Insel. Früher, ja früher vor 20 Jahren, war es  ziemlich verpönt, im Süden der Insel zu wohnen. Noch heute zieht es die meisten, die auf den Seychellen dauerhaft wohnen wollen, in den Norden. Die vermeintliche Nähe zur Hauptstadt ist es, die die Bevölkerungszahlen in den Gebieten „Bel Air“ und „Bel Ombre“ sowie rund um den Beau Vallon rasant hat ansteigen lassen. Mitleidig wurde ich belächelt, wenn ich erzählte, dass wir in der Anse Louis wohnen, im wilden Süden…

Und heute? Heute höre ich immer wieder wehmütige Stimmen, die folgendes beklagen: „Früher, da war La Digue der wildromantischste Fleck auf den großen Seychellen-Inseln. Aber heute … heute findest Du genau das im Süden Mahés, was Dir früher so gut auf La Digue gefallen hat“. Ursprünglichkeit heißt das Zauberwort.

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Wer mit dem Bus fährt, steigt in der Anse Boileau aus, entweder bei der Feuerwehr („fire brigade“) oder bei der „District Administration“. Notfalls den Busfahrer fragen. Wer einen Leihwagen hat, kann ihn in der Nähe des Lieferanteneingangs vom Maja Hotel abstellen. Nur ein ganz kurzer Weg ist es von beiden Haltepunkten zum Beginn der Bergstraße „La Salette“. Sie beginnt an einem runden Verkehrsspiegel, mitten in der Krümmung einer scharfen Kurve. Ob ein Schild mit „Sanctuaire Notre Dame de La Salette“ – dem Hinweis auf das kleine Kirchlein „Zu Unserer Lieben Frau von La Salette“ – dort hängt, und wenn ja, ob es sichtbar ist, das ist leider tagesformabhängig.

Dann geht es schon los, zunächst durch kleine niedliche und gepflegte Siedlungen, bevor dann schnell die Straße ganz steil ansteigt. Zwei, drei kleine Wege zweigen nach links ab, einer führt auf den Friedhof von Anse Boileau, wo auch einer der beiden erschossenen „Helden“ des Regierungsputschs vom 5. Juni 1977 begraben liegt. Der andere Weg führt über eine kleine Brücke in das Tal von „Dan Bambou“ – im Bambus liegend.

Steil schraubt sich für ungefähr eineinhalb Kilometer die Straße höher und höher, durch ein Gebiet, das „Rousay“ heißt – nach einem Busch benannt, der rosa Blüten und kleine kirschenähnlichen Früchte trägt, die die Schulkinder auf ihrem Weg hinab früher als Durstlöscher genascht haben müssen. Abends, wenn das kleine Kirchlein läutet, steht die Welt hier oben still, alles ist ruhig und friedlich. Ein Ausblick offenbart, wie sehr die Schöpfung diese Inselwelt privilegiert hat.

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Direkt an der Zufahrt zur Kirche gabelt sich der Weg. Gerade aus führt die Verbindung schnurstraks wieder ans Wasser, in die Anse La Mouche. Nach links aber geht es unmittelbar in die „Inner Seychelles“ – in das Berggebiet von Mont Plaisir, dem „Berg des Vergnügens, des Wohngefallens“. Na, das ist doch ein Wort.

Es sind wie im richtigen Leben viele Höhen und Tiefen, die es hier zu überwinden gibt. Wem das Ganze zu beschwerlich wird, der bleibt einfach an einer Bushaltestelle stehen, entweder erkennbar an einem auf dem Asphalt aufgemalten „Bus Stop“…

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…oder an den Leuten, die sich hier schon versammelt haben. Trampen ist auch eine Möglichkeit, und auch gar keine besonders aussichtslose. Die Leute hier oben sind freundlich und hilfsbereit.

Nach ungefähr zwei Kilometer ist das Schlimmste überstanden und es geht langsam wieder abwärts. Ein kleiner Mini-Supermarkt bietet für alle Fälle Getränke und Snacks an, das hat sich jeder Wanderer verdient, der zuvor die immensen Steigungen bewältigt hat. Belohnt wurde er nicht nur mit atemberaubenden Ausblicken nach unten, an die Westküste (dies aber nur für den Fall, dass er sich umdrehte), sondern auch mit Einblicken in eine faszinierende Tropennatur, die die kleine Montplaisir-Straße links und rechts mit Bambus, wilder Ananas, unnatürlich großen und fleischigen Schlingpflanzen und den allgegenwärtigen Baumriesen der Schirmarkazien parat hält.

Endlich  dann ein kleines Dorf, sofern es sich überhaupt gebietet, in dieser Häuseransammlung ein Dorf zu sehen. Für mich ist es eines, denn da trägt ein garagenähnlicher Schuppen mit Wellblechdach ein kleines Kreuz – ergo Kirche. Da sind zwei Geschäfte mit einer Handbreit Parkfläche – ergo Marktplatz. Und da sind zwei riesige Frischwasserbecken, die den Regen sammeln, für schlechte Zeiten.

Von hier aus schlängeln sich Serpentinen halsbrecherisch nach unten, aber sie sind ungefährlich, weil die Straße gut ausgebaut ist und stets genügend Platz für Autos, Busse UND Fußgänger bleibt. Allmählich gibt der Wald eine traumhafte Sicht auf die Ostküste frei – die Anse Royale liegt zu unseren Füßen, so wie es sich für eine Königsbucht gehört.

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Doch bevor es hinab ans Blau geht, heißt es: aufgepasst! In waghalsigen Manövern fahren nun mehr Autos „up and down“, denn die Besiedelung wird dichter. In steilen Wellen klettern die Häuser die saftigen Hügel hinauf, um von dort oben auf den gleißenden Meeresspiegel zu schauen. Wie gut, dass Schatten am Mont Plaisir kein Fremdwort ist…

Allmählich wird aus dem Sträßlein eine Straße. Kurz bevor sie sich in die Ebene ergießt, winkt rechterhand am Hang, etwa zurückgesetzt, eine kleine Farm: „Golden Eggs“ – ein Hühnerhof, der so goldig und gelb unter dem dunklen Grün der Palmen hervorlugt, dass es kein besseres Marketing für Bio-Geflügel und Eier braucht. Wer sich traut, geht hin, kauft einige und transportiert sie vorsichtig nach Hause oder in sein Self Catering Appartment. Diese Eier sind nämlich die Wucht. Die Hühner sind – wie könnte es anders sein – die größten Freigänger der Welt, sie scharren sich durch den Urwald und bekommen Kokosnussraspeln gefüttert; es gibt keine bessere Geschmacksgarantie!

Endlich unten in der Anse Royale  – es ist Mittag und Horden von Kindern und Studenten ergießen sich in der Kreuzung, denn hier sind nicht nur die Bushaltestellen, sondern viele kleine Läden, die die heißbegehrten Pausen-Snacks und Süßigkeiten verkaufen. Rechterhand grüßen Polytechnikum und Universität, linkerhand winken die Studentenwohnheime, gefolgt vom noch ziemlich weißen Neubau des Krankenhauses. – Wir sind in der Realität angekommen. Dann  ist nun wirklich die Wanderung zu Ende. Halt – ein Kaffee, ein kaltes Getränk, das wäre jetzt nett. Früher wäre das „Kaz Kreol“ hierfür erste Wahl gewesen, leider geschlossen, für immer. Aber es gibt gute Alternativen: die kleine Bar „Olé“ oder aber auch das nette Strandrestaurant „Aux dauphins heureux“ – zu den glücklichen Delphinen. Und genauso fühlt es sich an, wenn man direkt dort noch ein abschließendes erfrischendes Bad nimmt…

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Wanderung auf Mahé – Südwesten: Von der Anse Boileau in die Anse Royale – ca. 6 km, aufgrund der z.T. sehr steilen Streckenabschnitte Dauer ca. 2 bis 3 Stunden, je nach Kondition und Sonnenstand. Von der Anse Royale mit dem Bus oder einem Taxi wieder zurück zum Ausgangspunkt, ob dort ggf. seinen Mietwagen wieder aufzunehmen.

Alternative: nur ein Teil der Strecke über die Mont Plaisir-Road wandern, wenn die Puste ausgeht, den nächstbesten Bus anhalten und direkt in die Anse Royale fahren.

Beste Tageszeit für die Tour: früher Morgen, später Nachmittag – Achtung, die Sonne geht schnell unter und ab halb sieben kann es bereits stockdunkel sein.

Bilder: mit freundlicher Unterstützung von http://rainerbauerdick.de

„Together“ – zusammen heben wir ab! Die neuen„Überflieger“ der Seychellen

11. Februar 2017
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Seit ein paar Monaten gibt es hier eine wunderbare „Neuerscheinung“ auf den Seychellen: kleine schwarze Fliegen, die hier in den Abendstunden nach dem Rechten sehen. Man kann nicht sagen, dass sie verfressen sind. Sie sind keine Blutsauger, aber sie sind so neugierig, dass sie gern die Dämmerung nutzen, um auf den Tellern nach dem Rechten zu sehen. Allein sind sie nicht unterwegs, das wäre ja auch langweilig. Nein, in großen Wolken schwärmen sie aus und laden sich gern in jedes x-beliebige Inselhaus zum Abendessen ein. Vor allem da, wo die Häuschen ganz geschützt und vor jedem Windhauch sicher unter Palmen ruhen und sich in die Felsen schmiegen, fühlen sie sich wohl. Eine kühle Brise mögen sie nicht, das würde ihre kleinen Flügelchen verwirbeln.

Ich habe zwei von diesen Plagegeistern gefangen – einen im Norden Mahés und einen im Süden. Und habe die toten Tierchen sicher in einem Glas verschlossen nach Deutschland gebracht, wo sie das Hamburger Tropeninstitut analysiert hat. Das Ergebnis: Es handelt sich um Bartmücken, die auch als Gnitzen (Ceratopogonidae) bekannt sind. Weltweit gibt es ungefähr 4.000 verschiedene Sorten dieser Gnitzen, allein in Deutschland sind fast 200 davon bekannt. Auf den Seychellen waren sie bis im vergangenen Jahr überhaupt nicht existent. Jetzt haben sie das Kommando übernommen und  ballen sich so rasend schnell in großen Horden zusammen, dass sie die Einheimischen „together“ („Zusammen“) genannt haben. Warum „together“? – Vor kurzem war hier auf den Seychellen noch ein engagiertere Wahlkampf zugange und die Anhänger der Regierungspartei SPPF haben sich genauso schnell zusammengefunden wie die kleinen geflügelten Gesellen. – Gemeinschaftsgefühl „to go“ – together, so geht’s eben!

Einmal war die Plage in den Abendstunden so schlimm, dass sich viele Einheimische nicht mehr von den schwarzen Fliegen retten konnten und auf das Abendessen verzichteten. Sie mussten es schlichtweg stehen lassen, weil die kleinen Eindringlinge eine feindliche Übernahme vornahmen. Kurze Zeit später berichtete SBC  (Seychelles Broadcasting Corporation), das seychellische Fernsehen, über diese Invasion: Klar, die kleinen Fliegen seien zwar lästig, aber sie seien harmlos. Wenn man sie schon nicht ignorieren könne, dann wäre es überhaupt keine Gefahr sie mitzuessen. Sie seien schließlich ein klasse Protein-Snack.

Genau so habe ich es dann schließlich auch gemacht. Es hat mir nicht geschadet. Aber die Viecher sind ihrer verdienten Strafe nicht entkommen.

Sie machten ein „sauberes Geschäft“ mit ihrem Tod! Denn: Was ich noch nicht wusste, aber hätte ahnen können: Die „together“-Fliegen mögen wie jedes andere Insekt gern gelb.

 

 

 

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Und in einer gelben Plastikbox bewahre ich mein Waschmittel auf – darin gingen sie ein, wie die Fliegen! Und dem Rest gab ich den Rest – in der Waschmaschine!