La Digue: Eine Insel steht Kopf!

15. August 2017
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Wenn mich jemand nach den drei besonderen Dingen fragen würde, die es nur auf La Digue gibt und sonst nirgends auf den Seychellen, sähe meine Antwort wie folgt aus:

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  • Der rote Kardinal (fodi madagascariensis) heißt hier taroza – und keiner weiß warum. (Danke, Rainer Bauerdick für Dein Foto!)
  • Es gibt gefühlt mehr Fahrräder als Menschen.
  • Maria Himmelfahrt ist wichtiger als Weihnachten.

Und genau zu dieses lafet sent mari – also zum Fest Maria Himmelfahrt, am 15. August, platzt La Digue aus allen Nähten, weil nicht nur die ladigwa (die Einwohner von La Digue), sondern gleich der halbe Archipel mitfeiert. Der Einfachheit halber nennen es die Inselbewohner einfach lafet La Digue, weil es nur EIN Fest in dieser Dimension auf La Digue gibt! Regelrechte Völkerwanderungen setzen sich von  Praslin und Mahé aus in Marsch. Die Fähren fahren öfter als sonst, Unterkünfte sind auf Monate hin ausgebucht. Wer Verwandte auf La Digue hat, darf sich glücklich schätzen. Hier werden alle Geschwister, Onkel und Tanten und selbstverständlich auch die Cousinen 3. Grades nebst ihren Verwandten untergebracht. Wäre La Digue nicht eine solide Granit-Insel, man müsste glatt befürchten, dass sie ob dieser Überlast einfach untergeht.

Aber warum eigentlich will jeder, aber auch jeder Maria Himmelfahrt – immerhin ein katholisches Hochfest – auf La Digue feiern? Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Seychellen mehr als 80 Prozent Katholiken sind. Der zweite wichtige Punkt ist, dass das einzige Kirchlein auf La Digue den Namen „Notre-Dame de l’Assomption“ heißt. Das ist also weit mehr als nur eine Art Kirche „Zu unserer lieben Frau“, es ist die Kirche „St. Maria Himmelfahrt“ und Maria ist ihre Schutzpatronin. Ihr zu Ehren findet dann alljährlich am 15. August eine eindrucksvolle Prozession statt, bei der feierlich eine  Marienstatue zur festlichen Messfeier in die Kirche getragen wird – geschmückt mit Palmwedeln und haufenweise Blumen (hauptsächlich Plastikrosen und Co.), begleitet von der gesamten Inselbevölkerung, alle in Sonntagskleidung herausgeputzt, die Männer in langen Hosen und Hemden, die Frauen in den mondänsten Kleidern, die Kommunionmädchen des aktuellen Jahrgangs wie kleine Bräute ganz in weiß mit vielen Rüschen – andächtig und unglaublich innig.

Das ist aber auch schon der einzige andächtige und unglaublich innige Programmpunkt bei der lafet La Digue, denn der Rest ist eine einzige Party. Und die geht bereits schon am Wochenende vorher los. Ein einziger Tag für so ein wichtiges Fest wäre doch eh viel zu kurz, oder? Überall ist Remmidemmi, überall viele Leute, überall buntes Treiben, selbst an den noch so winzig-witzigen Vergnügungsbuden, die den Charme von nostalgischen Spielen wie Büchsenwerfen und Wurstschnappen längst vergessener Kirmes-Tage haben. Überall schallt Musik – und wenn ich Musik sage, dann meine ich VIEL Musik und LAUTE Musik, vor allem Richtung Jetty und Hafenbar. Warum, so denkt sich wohl hier jeder, soll der Lautstärkeregler auf 9 stehen bleiben, wenn er doch noch drei weitere Stufen hat und sich bis auf 12 drehen lässt? Während es sonst eher beschaulich auf der Insel zugeht und hauptsächlich an der Anse Source de l’Argent ein paar mehr Fress-Buden und Strand-Bistros als sonstwo gibt…

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…finden sich nun überall, vor allem in La Réunion und La Passe im Inselinneren, kleine Stände mit Take-Away-Köstlichkeiten, direkt an der Straße und mehr oder weniger direkt vor der eigenen Haustür. Demzufolge ist das Ganze eine herrlich authentische Streedfood-Parade, bei der es sich lohnt, möglichst viele hausgemachten Spezialitäten zu probieren.

Auch wenn es hoch hergeht, auch wenn viel – ja, viel zu viel getrunken! – um nicht zu sagen gesoffen wird,  auch wenn härtere Dinge im Umlauf sind und leider Polizeipräsenz und Drogenkontrollen zugenommen haben, auch wenn ich sonst kein großer Freund von Menschenaufläufen jeglicher Art bin, auch wenn ich nach dreimaligem Besuch des Festes eigentlich genug davon habe – eines steht fest:

Die lafet sent mari gehört als lafet La Digue zu La Digue wie die wundervollen Granitfelsen in der Anse Source de L’Argent und die Fahrräder. Dieser Rummel ist voller Lebensfreude und hat nichts zu tun mit Oktoberfest-Gegröle oder Ballermann-Plemplem. Es ist traditionelle Lebensfreude, die zu Herzen geht; das Inselglück ist zumindest an diesem Tag ungetrübt.

„Magic Mango“: Tropengold auf dem Teller

1. August 2017
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Einer der wohl exotischsten Früchte ist die Mango: Ihr Geschmack lässt sich nur schwer in Worte fassen – da ist etwas von Pfirsich und Vanille, von Mandel und Sahne und auch irgendetwas wie ein Hauch von Zimt und Nelke. Und dann diese unnachahmlich leuchte Farbe von sonnengelb bis tieforange und diese saftige Süße! Nicht umsonst schmückt sich die Mango gern mit dem Titel „Königin der Exoten“.

Fast zwei Dutzend verschiedene Sorten sind auf den Seychellen bekannt, wie z.B. die mang blan (Weiß-Mango), die mang dodo (die offenbar mit ihrer Form an den Sagenvogel Dodo aus Mauritius erinnert) oder die mang bourbon (die sich mit ihrer leichten Vanille-Note wohl über La Réunion auf den Seychellen eingebürgert hat): Die hohen Bäume mit ihren unzähligen schmalen, schlanken und dunkelgrünen Blättern sind nicht wegzudenken aus den heimischen Gärten, aber sind genauso jenseits der Straße, hinter der Bushaltestelle zu finden oder am zentralen Mülltonnen-Standort zu finden. Gern platzieren sich Gemüsehändler mit ihren Verkaufsständen unter den Mangobäumen, weil sie o schön schattig sind. Und in meiner Nachbarschaft gibt es sogar diverse „Mango-Garagen“ – kleine Kfz-Werkstätten, deren Arbeiter es vorziehen, den Reifen- oder Ölwechsel nicht in praller Sonne machen zu müssen.

Wer mal soeben einen kleinen Hunger verspürt, schnappt sich eine reife Mango vom Baum, die in der Regel zwischen November und März Hochsaison hat. Hängen die Früchte zu hoch, hilft eine Bambus-Stange oder ein langer stabiler Palmwelde. Oder man begibt sich einfach mal kurzerhand in die Baumkrone – kein Problem für die geländegängige Einheimischen. Und erst recht kein Problem für die sousouri – die Flughunde, die auch fruit bats genannt werden, weil ihre Leibspeise zum Beispiel süßes Obst, vor allem Mangos, sind.

Seychellen ohne Mangos – kaum auszudenken! Doch es bahnt sich eine Katastrophe an: Da seit ungefähr zwei Jahren senir plim – der Seidenspinner – die Inseln heimsucht und sich mit Vorliebe in Terrassen- und Mangobäumen einnistet, ist die Lage bedrohlich. Das liegt nicht etwa daran, dass man nicht gewillt ist, gegen die Raupe mit ihren extrem giftigen Härchen vorzugehen. Es ist eher die Art und Weise des „Wie“. Da bislang eingesetzte Pestizide entweder die falschen waren und/oder keine Wirkung zeigten, werden kurzerhand die befallenen Mango-Bäume umgehauen. Die Folgen: ein immenser Ernte-Ausfall von nie da gewesenem Ausmaß. Wenn dann noch zur ungünstigen Zeit zu viel Starkregen die Inseln heimsucht und die Blüten quasi am Stamm verfaulen, dann dezimiert sich die Ernte um ein weiteres Vielfaches.

Zeit also, um innezuhalten und mit Ehrfurcht und Respekt Mangos zu genießen, zum Beispiel als feurig-fruchtiger Mango-Salat:

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Kreolischer Mango-Salat (für ca. 2 Portionen)

 ZUTATEN

 2 Mangos: In der Qualität eher hart bzw. halbreif. Sie dürfen auf keinen Fall weich sein. Bitte vorher mit dem Daumen drücken. Wenn sich das Fruchtfleisch fest anfühlt und nicht eindrücken lässt, dann ist sie genau richtig.

 3 Frühlingszwiebeln

2-4 Limetten (zur Not 1 große Zitrone)

2 Esslöffel Öl

Chili nach Belieben:  entweder eine kleine frische Schote, in hauchdünne Ringe geschnitten, oder etwas „Chili Punch“ bzw. „konfi piman“ (eingelegte Chilis) oder für die weniger Mutigen Tabasco, Chiliflocken oder Sweet&Sour-Chili-Sauce

Salz und Zucker nach Belieben

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ZUBEREITUNG

Beginnen wir mit dem Schwierigsten, den Mangos: Erst die Schale mit dem Sparschäler abschälen, und dann das Fruchtfleisch in dünnen Lagen mit dem Sparschäler abziehen und in Schale geben. Die Mango hat in der Mitte einen Kern, der holzig-faserig ist. Um diesen Kern herum schälen. In dem Moment, wo der Sparschäler auf Widerstand stößt, ist der Kern erreicht. Diesen dann nicht weiter bearbeiten, da er bitter ist.

Die Limetten auspressen und den Saft über die Mangos träufeln, ebenso das Öl

Die Frühlingszwiebeln in dünne Ringe schneiden, darüber streuen

Mit Chili, Salz und Zucker würzen. Alles miteinander vermengen. Der Salat muss vor Marinade richtig „schmatzen“, wenn man ihn durchrührt. Wenn dies noch nicht der Fall ist, dann einfach noch etwas Essig, Öl und Limettensaft dazu geben.

 Alles gut vermengen und ca. 10 Minuten ziehen lassen, bis die Marinade die Farbe des Fruchtfleischs annimmt.

 Der Salat passt perfekt zu gegrilltem Fisch und zu Hühnchen, aber auch zu allen Curry-Gerichten.

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Steckbrief Mango:

100 gr = 57 kcal / 12,5 gr Kohlenhydrate / 0,5 gr Fett / 0,6 gr Eiweiß / 82 gr Wasser

Hoher Gehalt an Vitamin C (37 mg/100 gr.) sowie Folsäure (36µg/100 gr), außerdem überdurchschnittlich hoher Carotin-Gehalt (1300 µg/100 gr).

Der wilde Süden von Mahé: In der Anse Forbans

22. Juli 2017
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Mahé hat weitaus mehr zu bieten als den quirligen Norden mit Beau Vallon und Victoria. Tief im Süden ist die Welt nämlich noch ein Stück heiler, noch ein bisschen paradiesischer. Und ich meine da nicht die Traumstrände von Police Bay, Anse Intendance oder Takamaka. Nein, ganz im äußersten Südosten gibt es ein malerisches Fleckchen Erde, das seinesgleichen sucht. Noch… denn auch hier droht ein großes Neubau-Projekt, seit vor kurzem das Moratorium gefallen ist, das einstweilen großen Hotelbauten einen Riegel vorschob. Es ist also höchste Zeit, diesen zauberhaften Zipfel der Hauptinsel zu erkunden und einen Tag lang die Seele baumeln zu lassen. Das geht ganz einfach, denn zum perfekten Inselglück braucht man eigentlich nicht mehr als glasklares türkises Wasser, einen feinpudrigen Strand und die perfekte Kombination aus Fels, Palmengrün und einem beschützenden Bergmassiv im Rücken.

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Auf geht’s in die Anse Forbans!

Wer aus dem Norden kommt – sei es mit dem Bus oder dem Leihwagen – der merkt sehr schnell, dass es ab der Anse Royale ruhiger wird. Lauschiger sind die kleinen Buchten, mehr Wald kuschelt sich zwischen die Felsen und fließt in Bausch und Bogen hinab in das reinste Blau von Wasser und Himmel. Die Straße schlängelt und windet sich, wird enger und schmaler, passiert kleine Siedlungen von Bougainville und Anse Baleine, wo man versucht ist zu sagen: „Hier ist der Hund begraben“. – Aber der springt munter umher, zusammen mit seinen Freunden.

Nach ca. einer viertel Stunde Fahrt (gerechnet von Anse Royale/Straßenabzweigung Les Canelles) werden plötzlich die Farben intensiver, das Grün undurchdringlicher und das Blau eindringlicher. Es ist so schön hier, so friedlich! Wie muss es erst am Wasser sein?

Der Zugang zum Strand erschließt sich am einfachsten über das „DoubleTree Hilton“-Hotel, das architektonisch – sagen wir es mal ganz vorsichtig – äußerst gewöhnungsbedürftig ist. Es ist eher ein abweisender Klotz als ein luftig-leichtes Tropengebäude. Böse Zungen sprechen gar von einer Bausünde, andere behaupten, es ähnele einem Bunker oder gar Atomkraftwerk. Früher stand hier das bezaubernde Allamanda-Hotel, das den nostalgischen Charme der alten Inselzeit widerspiegelte. Aber wie man auch immer über die unterschiedlichen Baustile denken mag, wichtig ist eigentlich: Dahinter ist der Strand. Der lässt sich auch über die „Anse Forbans Chalets“ erreichen, oder ganz rustikal über einige kleine Trampelpfade, die sich zwischen den vereinzelten anderen privaten Anwesen hindurchschlängeln.

Und dann – endlich angekommen! Ich werde nie vergessen, als ich 1998 das erste Mal an der Anse Forbans stand und halblaut voller Demut sagte: „Mein Gott (und ich meinte Ihn wirklich), Mein Gott – schöner als jede Postkarte“. Und in der Tat: Unser Herrgott muss wohl einen ganz besonders glückliche Minute, ein glückliches Händchen gehabt haben, als er uns die Anse Forbans schenkte…

Nach rechts (also nach Süden) kommt ein weitgeschwungenes weißes Halbrund, das in einem grünen Gürtel endet, der die Anse Forbans von der kleinen, noch einsameren Anse Marie Louise trennt. Ein Fußweg dorthin lohnt sich allemal. Wer mag, kann den auch von der Hauptstraße nehmen: Bevor sie in einer starken Rechtskurve hinauf nach Quatre Bornes und schließlich an die Westküste führt, zweigt auf der linken Straßenseite, jedoch rechts neben bzw. hinter den „Anse Forbans Chalets“ ein kleines Sträßchen ab, das in einem unbefestigten Weg endet.

Doch es lockt erstmal nur das Meer!

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Nach links gewendet (also Richtung Norden) fällt der Blick auf ein mächtiges Granitmassiv mit markanten Steinformationen. Die schönste davon rankt sich rund um den „Birnenfelsen“, so habe ich dieses Arrangement genannt.

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Wenn für irgendeine Bucht das Adjektiv „malerisch“ passt, dann für die Anse Forbans. Doch das ist nur die eine, die vordergründig glänzende Seite der Medaille. Es gibt noch eine zweite, eine dunkle oder besser: eine im Dunkel der Geschichte liegenden Seite. Denn die Anse Forbans hat etwas Geheimnisvolles. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes die „Piratenbucht“, denn „forbans“ heißt »Pirat« auf Altfranzösisch – die Sprache, die damals im 18. Jahrhundert die ersten Siedler und Entdecker der Seychellen sprachen.

Man erzählt sich sogar, dass die Anse Forbans früher sogar mal »Piratenloch« genannt wurde, doch von einem Goldschatz keine Spur. Dafür glitzern Millionen Dia­manten auf den Wasserkämmen. Schwimmen ist hier nicht immer einfach, es gibt viele scharfkantige Steine, doch die bilden bei Flut kleine Badewannen, in denen es sich herrlich vor sich hindümpeln lässt. Vor zu vielen Standgästen wappnet sich die Anse Forbans noch mit einem anderem „Unterwasser-Trick“: Ein Paradies für Seeigel! Doch alles Schlechte hat auch immer etwas Gutes: Nie werde ich vergessen, als die direkten Nachbarn Mike und Tessie Ellinas uns eines Tages „Austern“ servierten. Das waren frisch geöffnete, von Stacheln befreite Seeigel, mit Saft von Limetten und bigarad (Bitter-Orange) beträufelt – himmlisch und besser als jede noch so trendige Sylter Auster.

Doch nichts ist schöner als ein einfaches Strandpicknick, das aus den Sekunden Minuten, aus Minuten Stunden und aus Stunden ganze Tage werden lässt -bis die Nacht auf ihren blauen Schwingen sanft über die Anse Forbans legt und heimlich still und leise der Mond emporsteigt…

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Adresse: Anse Forbans, Ostküste Mahé – im äußersten Südosten der Insel

Besonderheiten:
Länge: ca. 1 km; flaches Wasser,

Äußerst idyllisch, da perfekter Seychellen-Mix aus Palmen, Felsen und Strand. Sensationelle Foto-Motive! – Ideal  zum Faulenzen im Wasser bzw. Chillen im Meer, für Kinder (Badeschuhe wäre sinnvoll!) zum Planschen und für die Aktiveren auch zum Schnorcheln, aber auch bisweilen scharfkantige Steine, bei Ebbe eher etwas zum Strandwandern, Sonnenbaden und Picknicken, da gute natürliche „Schattenspender“ (Palmen, hohe Büsche); problematisch in den Monaten von Juni bis Oktober, da hier genau die Einfallschneise des Südost-Monsuns („vann swet“) liegt; d.h.: starke Winde, Seegras und Wellengang; ACHTUNG: Es kann auch in diesen Monaten zu gefährlichen Strömungen kommen, bitte vorsichtig sein und im Zweifel nicht hinausschwimmen!

Erreichbarkeit: vom Norden aus Victoria kommend mit dem Bus Richtung „Quatre Bornes/Takamaka via Anse Royale“; Fahrtdauer ca. 45 min aus dem Süden bzw. Südwesten z.B. von Takamaka aus kommend mit Bussen in ca. 20 min.,  einige Bushaltestellen direkt in der Bucht, z.B. fast unmittelbar am „Double Tree Hilton“-Hotel.

Unterkünfte: „Double Tree Hilton“-Hotel und „Anse Forbans Chalets“ – beides direkt am Strand, nördlich bzw. „am Eingang“ der Anse Forbans noch „Demeure de Cap Macon“, „Anse Forbans Beach House“ und jenseits der Straße „Captain‘ Villa“.

Verpflegung: kleinere Inder-Läden, Sortiment je nach Jahres/Tageszeiten, oftmals sind „samosas“ im Angebot, kleine Teigtaschen, die sich perfekt zu einem Beach-Picknick eignen. Nächster größerer „Supermarkt“ in Quatre Bornes (ca. 2 km über den Berg Richtung Westküste).

Restaurants: Im Hotel “Double Tree Hilton”, außerdem zwischen Anse Royale und Anse Forbans liegt “Surfer’s”, ein kleines Beach-Bistro direkt am Meer mit „Füßen im Sand“ – ein wunderschöner Platz wie aus dem Katalog!

Das Geheimnis der Raffia-Nuss

15. Juli 2017
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Wer über die Seychellen und ihre Naturwunder spricht, der spricht als allererstes über die sagenumwobene Riesen-Nuss, die Coco-de-Mer. Als zweites erinnert er sich bestimmt an die leckere Kokosnuss, entweder direkt vom Baum, mit der Machete aufgeschlagen und als herrlich tropisches Getränk serviert oder aber als Milch, die zahlreiche Curry-Gerichte verfeinern darf. Da ich aber schon immer leidenschaftlich gern „Das Märchen von den drei goldenen Nüssen“ angeschaut habe, kommt nun die dritte Zaubernuss, die sogar in meinem Garten auf Mahé wächst. – Hier ihre Geschichte, hier ihr Geheimnis:

In den unberührten Tropenwäldern Madagaskars und auf den Inseln des Indischen Ozeans wächst eine seltene Palme. – die Raffia-Palme (Raphia). Obwohl nicht allzuviel über ihre Gattung und ihre ca. 20 Arten bekannt ist, weiß man aber eines: Sie hat die wohl längsten Blätter der Welt. Bis zu acht­zehn Meter lang können die dunkelgrünen gefieder­ten Wedel werden, die aus einem kurzen rot­braunen Stamm in die Luft ragen. Ihre Blattgründe und Blattstiele, aus denen die Einheimischen Rollos zu basteln wissen, sind ocker bis orange gefärbt: In Verbindung mit den steif ansteigenden Blättern bietet sie einen unvergeßlichen, wirren und geheimnisvollen Anblick.

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Den Kopf in der Sonne, die Füße im Wasser: So hat es die Raffia gern. Nicht leicht ist es aber für sie, in unwirtlichen Felsen oder heißen Tropengebieten einen schattiges feuchtes Plätzchen mit gleichzeitig hellem Ausguck zu finden – ihr bevorzugter Stand­ort. Doch auf den paradiesischen Seychellen gibt es ein paar Flecken, wo fast ideale Bedingungen herrschen. Hin und wieder plätschern kleine Bäche durch die Granitberge, an dessen sumpfigen Ufern sich die Raffia ansiedelt. – Genau so ein Bach umzingelt und überquert unser Grundstück hoch oben an den Berghängen der Anse Louis.

Acht bis zehn Jahre braucht die Raffia-Palme, bis sie Nüsse trägt. Zwischen den Blattstielen schieben sich dann langsam mehrere Meter lange, dunkel­braune Samenstränge hervor. Sie sehen aus wie riesige gewundene Seile und Taue oder wie dicke geflochtene Bastzöpfe. Manche haben einen Durch­messer von bis zu 30 cm und fallen fast bis auf den Boden herab. Scheinbar regungslos hängen sie in dieser Form mehrere Monate, bis sich dann endlich an manchen Stellen die Stränge öffnen. Unter ei­nem schützen­den bastähnlichen Geflecht kommen kleine Zweig­hände zum Vorschein. Wie Mini-Besen sehen sie zunächst aus.

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Nach wiederum mehreren Monaten sind allmählich die Ansätze von winzigen Knoten zu sehen. Aber erst nach zwei Jahren fallen diese als dunkle Kugeln zur Erde.

Keimfähige Samen sind extrem selten. Wenn sie dann aber ihren kleinen Spross durch die mittlerweile fast verrottete Schale ausstecken konnten und an einer geeigneten Stelle Fuß gefaßt haben, dann wachsen sie extrem schnell. Nur: Umsetzen lassen sich die Jungpflanzen nicht. Bietet man ihnen einen anderen Ort an, gehen sie innerhalb weniger Wochen ein.

Da die Palmen in einem meist schwer zugänglichen Gelände stehen, ist es mit großen Schwierigkeiten verbunden, diese Samen zu sammeln. Gelingt es aber dennoch, heißt es Geduld haben. Die herab­gefallenen Samen selbst sind auf dem modrigen Tropenboden kaum zu erkennen. Wenn sie aber von den dünnen, sie festumschließenden Pflanzen­fasern befreit sind, sieht das Äußere der Schale aus wie ein ebenmäßig geschlossener Tannenzapfen – nur glatter und wie mit einem Hochglanzmittel perfekt poliert. Erst nach mehreren Wochen Trock­nungsprozeß können sie geöffnet werden. Unter der Zapfenhaut verbirgt sich zunächst eine völlig unscheinbare, aber steinharte Nuß. Schmutzig sieht sie aus, unattraktiv und langweilig. Nur mit zäher Ausdauer und einigem Schleifmitteleinsatz läßt sie sich von ihrem häßlichen Schutzmantel befreien.

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Dann aber – aber nur mit dem richtigen Know-how und Werkzeug – gelingt die Verwandlung.

Aus dem steinernen Kern wird eine Nuß von unglaublicher Anmut – ein Handschmeichler mit mattem Glanz und einer Maserung, die einer perfekten Mischung aus Elfenbein und Wurzelholz gleich.

Für die Kreolen – die Einheimischen der Inseln im Indischen Ozen – hatten diese Nüsse Zauberkraft; man erzählt sich noch heute, daß eine pulverisierte Nuß im Tee zu magischen Kräften führt. Im Alltag dienten die Raffia-Nüsse einer anderen ganz praktischen Angelegenheit: Sie konnten in Scheiben gesägt werden, um daraus Knöpfe herzustellen.

Die Kolonialherren des 18. Jahrhunderts aber er­kannten den wahren Wert dieser seltenen Tropen­schönheit und brachten die Nüsse z.B. an den fran­zösischen Hof. Dort wurden sie in Wunderkammern oder Vitrinen zur Schau gestellt – mehr als 3.000,– Euro hat jüngst ein solches Exponat im Auktions­haus Christie’s gebracht…

Seychellisches Super-Food: Moringa

1. Juni 2017
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Wenn Patsy von der Schule nach Hause kommt, dann ist sie erschöpft. Als Lehrerin hat sie alle Hände voll zu tun, und wer einmal die quirligen seychellischen Kinder kennengelernt hat, der weiß, wie kräftezehrend es ist, sie zu bändigen.

Nachdem Patsy ihren Feierabend mit einer Tasse Tee eingeläutet hat, kehren ihre Lebensgeister wieder zurück und sie beginnt, das Abendessen zu planen. Steven, ihr Mann, der als Holzfäller Schwerstarbeit leistet, ist auch soeben nach Hause gekommen und ist mit ihr einer Meinung: Es muss etwas auf den Tisch, das die verbrauchten Energien zurück bringt. Schnell einigen sich beide. Heute Abend gibt es zur Stärkung bouyon bred: den klassischen seychellischen Suppeneintopf mit Brühe, Fisch und eben diesem bred – was aber nichts mit dem englischen bread oder Brot zu tun hat, sondern ein Sammelbegriff für junges Grünzeug ist. Sämtliche Sprossen, Triebe, Schösslinge finden sich darunter wieder, egal ob Kohl, Spinat oder Kürbisranken. Doch heute soll nichts von alledem das Schöpfgericht anreichern. Heute kommt etwas ganz besonderes und traditionsreiches auf den Tisch: Moringa, das auf den Seychellen bred mouroung heißt oder auch als bred ti fey bekannt ist, weil das Gewächs mit ganz kleinen, zarten Blättchen (petites feuilles) punktet.

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In unserem Breiten kennen wir dieses eigenartige, scharf riechende Gewächs nicht, aber vor allem von Indien bis Afrika ist diese zähe, widerstandsfähige Pflanze weitverbreitet. Auf den Seychellen schwören die Einheimischen schwören auf die reinigenden und Energie spendenden Kräfte des Baumes. In den USA gibt es längst einen Hype um Moringa, wo das Nährstoffwunder in Pulver und Kapseln gefeiert wird. Denn es soll nicht nur ein Power-Food, sondern auch ein Schlankmacher sein. In Deutschland ist Moringa erst langsam im Kommen, dennoch: Es wird Zeit, dass wir der Sache auf den Grund gehen. Die Seychellen sind der richtige Platz dafür.

Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet bred ti fey ein Top-Spieler in der Protein-Liga ist? Moringa liefert hochwertiges pflanzliches Eiweiß und ist somit besonders bei Vegetariern und Veganern ein Objekt der Begierde. Bis zu einem Drittel bestehen die Blättchen aus Eiweiß! Besonders pikant – der Geschmack Nicht umsonst heißt der Moringabaum auch Meerettichbaum. Er ist nämlich ein echter Scharfmacher, denn in ihm steckt eine ordentliche Ration an Senfölen. Diese bittere Wahrheit ist keine schlechte, sondern eine gute Nachricht für alle, die auf ihr Gewicht achten. Bitterstoffe sind natürliche Appetitzügler, regen die Verdauung an und heizen dem Fettstoffwechsel ein. Außerdem ist Moringa ein Füllhorn an Fettsäuren vom Feinsten! Unser seychellischer Wunderbaum ist nämlich eine Tankstelle für Hochleistungstreibstoff: Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Wer jetzt denkt: „Igitt, Fett! Das macht doch erst recht dick!“, der liegt völlig falsch. Denn die besagten Fettsäuren sind gute Fette – wichtige Helfer für eine schlanke Linie, für einen fitten Körper und für mehr Energie! Und genau darauf setzen Patsy und Steven, wenn sie sich heute bred ti fey zubereiten.

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Das Beste an bred ti fey ist: jeder auf den Seychellen hat einen kleinen Busch davon oder gar einen ausgewachsenen Baum in seiner Nähe stehen – entweder im eigenen Garten oder als Begrenzung zum Nachbarn; entweder als Hecke rund ums Haus oder einfach an der nächsten Straßenkreuzung. Während Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer erst in Öl angebraten wurden und dann in Brühe weichdünsten dürfen, während nebenher ein schönes Filet vom karang-Fisch in der Pfanne brutzelt, eilt Steven nach draußen und bricht sich im hereinbrechenden Dunkel der Nacht flugs drei, vier Äste vom Baum, der seine Hofeinfahrt ziert. Zugegeben, es ist schon etwas mühselig, die kleinen Blättchen von den Zweigen abzuzupfen, aber es lohnt sich! Ansonsten gibt es einen seychellischen Hausfrauentrick, der viel Arbeit und Zeit spart: Frisch gepflücktes bred ti fey in eine große Plastiktüte stecken und ab damit ins Gefrierfach! Wann immer dann die Blättchen gebraucht werden, Beutel wieder rausnehmen und einfach kurz schütteln. Die tiefgefrorenen Blättchen fallen dann ratzfatz ab.

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Mittlerweile ist es stockdunkel, aber in der Küche von Patsy und Steven strahlt ein warmes Licht und erst recht strahlen ihre Gesichter! Ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit und Harmonie durchflutet den Raum. Es duftet hinreißend nach knusprigem Fisch, nach Suppe, die mit der Welt versöhnt und nach bred ti fey, würzig und deftig! Auf dem Tisch steht bereits zusätzlich ein großer Topf mit dampfendem Reis, daneben eisgekühltes Seybrew – ach, wie gut tut der erste Schluck Bier! Gleich gibt es Abendessen, so herrlich einfach, so lecker und so gesund – genauso schmecken die Seychellen!

* * *

bouyon bred ti fey (für ca. 2 Portionen)

300 g karang-Fischfilet, falls nicht vorhanden: irgendein anderer filetierter Fisch

500 g bred ti fey (gezupfte Blätter), falls nicht vorhanden: Pak-Choi-Chinakohl, geputzt und in feine Streifen geschnitten, zur Not frischer Blattspinat oder Mangold

2 Knoblauchzehen, fein gehackt

1 Zwiebel, fein gehackt

1 Stück Ingwer, ½ Daumen groß, fein gehackt

¾ Liter Gemüse- oder Hühnerbrühe (wer es ganz besonders deftig mag, nimmt Fischfond)

Öl und Salz

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Fischfilet in etwas Öl kurz und scharf in einer Pfanne anbraten, salzen, vom Feuer nehmen und ruhen lassen. In einem größeren Topf Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer in etwas Öl glasig dünsten. Dann Gemüse (bred  oder andere Spinat- oder Kohl­sorte) hinzufügen, umrühren, ziehen lassen. Anschließend gebratenes Fischfilet oben auflegen, nicht mehr um­rühren und mit Brühe aufgießen. Deckel daraufgeben und ca. 10 bis 15 Minuten ziehen lassen.

* * *

Wichtig: Als Beilage unbedingt Reis servieren,
denn auf den Seychellen gilt:  Ein Essen ohne Reis ist kein richtiges Essen!

 

 

 

Er ist wieder da – der „vannswet“, der Südost-Monsun!

14. Mai 2017
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Zunächst habe ich ihn kaum bemerkt. Das war vor wenigen Tagen, als wir Vollmond hatten. Plötzlich strich nachts ein kühles Lüftchen durchs Haus, aber nicht wie sonst, durch unser Fenster mit Meerblick, das nach Westen hinaus zeigt. Sondern durch die Tür, die sich nach Osten hin zum Tropenwald öffnet. Aaah, wie gut das tut. Wie frisch, wie erfrischend! Der Windhauch war zwar nur von kurzer Dauer, doch das wird jetzt öfter passieren. Der vannswet, wie der Südost-Monsun auf Kreolisch heißt, klopft an. Zunächst ganz sachte, leise. Dann immer häufiger, lauter. Und schließlich wird er, so weiß ich schon jetzt in dieser ersten Hälfte im Mai, in den nächsten drei, vier Monats stetig und stark die Inseln belüften.

In die hitzegeschwängerte Luft schleichen sich zunehmend Wellen aus Kaltluft ein. Kaltluft? Auf den Seychellen? Aber ja doch! Fast kommt es mir so vor, als hätte jemand im hintersten Winkel der Welt eine Tür zu einem Kühlhaus kurz auf- und dann schnell wieder zu­ge­macht. Mit diesem leisen Wind kommt nicht selten ein feiner leichter Regenschleier wie aus einem Zerstäuber. Den vielerorts immer noch zu lesenden Wetterbeschreibungen, dass wir uns jetzt angeblich in der Trockenzeit befinden, kann ich immer weniger Glauben schenken. Klar, es regnet nicht mehr so heftig und durchdringend wie in anderen Monaten, aber nicht selten sind tief hängende Wolken und Nieselregen unsere ständigen Begleiter in Zeiten des vannswet.

Das ist aber nicht der einzige Nachteil des Südost-Monsuns. Es gibt noch mehr missliche Umstände als das Dauergrau, nämlich Seegras an den Stränden und hohe Wellen auf dem Wasser. Die machen nicht nur seekrank, wenn man mit der Fähre Cat Coco zwischen Mahé und Praslin pendenlt, den Urlaubern das Baden schwer, das Schnorcheln bei schlechter Unterwassersicht fast unmöglich, sondern sie hemmen auch die Aktivitäten der Fischer. Während es sonst Fisch im Übermaß gibt, in großer Auswahl und kostengünstig obendrein…

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(Bei Rassoul in der Anse La Mouche)

…wird es nun immer schwieriger, bei schwerer See auszulaufen und Fischfang in üblichem Umfang zu betreiben. Die Folgen sind kapital: Die Preise für Fisch steigen und das Angebot schrumpft – Woche für Woche. Zeit, seinen Speiseplan umzustellen. Da niemand gern auf Fisch verzichten möchte, gibt es eine gewöhnungsbedüftige Alternative: pwason sale – gesalzener Fisch, dessen Geruch – sagen wir es ruhig vorsichtig: alles andere als frisch ist. Die halbierten Fischleiber wurden in den Monaten des Nordwest-Monsuns (zwischen Okt./Nov. und April/Mai) von allen Seiten gepökelt und dann auf Drahtmatten in der Sonne zum Trocknen ausgelegt.

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Lecker geht anders… sage ich, aber die Einheimischen schwören darauf und machen sich daraus ein deftiges kari – ein Curry-Schöpfgericht.

Ja – der  vannswet  ist schon etwas Besonderes. Erst sehnt ihn sich jeder nach der großen Hitze rund um Ostern herbei, dann geht er schon nach den ersten zwei, drei Wochen gehörig auf die Nerven. Mir jedenfalls. Und schon heute freue ich mich wieder auf seinen Abschied, doch da muss ich noch ein Weilchen – mindestens bis Mitte Oktober –  geduldig warten…

Sonntags am Strand, oder: Irgendwer hat immer Geburtstag

7. Mai 2017
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Endlich Wochenende. Endlich Sonntag. Sonntag wäre eigentlich ideal, um den ganzen Tag am Strand abzuhängen. Eigentlich… denn so wie ich denken wohl auch die restlichen 90.000 Seychellois und beginnen bereits zu früher Stunde mit einer verbesserten Handtuch-Liegen-Reservierungstaktik. Statt einfach nur mit Strandmatten wertvollen Platz am Wasser zu sichern, bringen sie gleich ganze Gartenmöbelgarnituren mit, die sie geschickt platzieren, um wertvolles Terrain zu sichern. Das reicht nicht aus, das Motto heißt: Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Uns so baumeln überall in luftiger Höhe zwischen den Palmen mehr oder weniger tiefhängende Leinen, die einem beim unachtsamen Strand-Begehen auch schon mal die Kehle durchtrennen können, wenn… wenn ja wenn nicht x Luftballons mit grellen Farben und Zahlen dort im Wind spielen. Daneben flattern neonfarbene Spruchbänder oder auch einfach nur Glitzer-Glitter-Buchstaben, die beim näheren Hinsehen „Happy Birthday“ bedeuten können. Ein p zu wenig macht uns nicht weniger glücklich und an dem falsch herum aufgehängten Ypsilon hängt sich keiner auf, bzw. daran stört sich kein Mensch.

Um halb elf die nächste Aktivitäten-Salve: Alte, aufgeschlitzte Fässer werden herbeigeschleppt. Damit nicht genug. Mehr oder weniger starke Halbstarke wuchten riesige Säcke herum, die hier auf der Insel gunnybag genannt werden. Darin ist Eis. Mir ist völlig schleierhaft, wer unter welchen Umständen auf einen Schlag so viele Eiswürfel produzieren kann, sodass sich diese alten Fässer wie von Zauberhand damit füllen. Und um elf kommen dann auch eindeutig zweideutige Getränke in diese Eissärge hinein. Bier wäre harmlos, meist sind es hochprozentige Gesöffe wie Rum oder Calou oder Bacca.

Soweit so gut!

Doch dann – gegen halb zwölf – wird es noch eine Stufe ernster: Unter den Happy-Birthday-Buchstaben schnarrt es merkwürdig. Nein, es sind nicht die trouloulou – die Strandkrebse – die sich brummend ein Loch in den weißen Sand buddeln. Es sind Notstromaggregate, die allmählich ihre Arbeit aufnehmen, um dann pünktlich zum Mittagessen die Beschallung aus kühlschrankgroßen Lautsprecherboxen vorzunehmen. Wäre alles gar nicht so schlimm, gäbe es nicht zwei Probleme – GRAVIERENDE Probleme: 1) Alle am Strand anwesenden Festgemeinden – und davon gibt es mittlerweile vier – haben ihre eigenen Musik-Präferenzen. Aus der einen Ecke dudeln karibische Reggae-Rhythmen, aus der anderen kommen vertraute Sega-Tänze, in der Mitte prasseln Country-Melodien auf uns ein und dazwischen – irgendwo dazwischen – knallt aggressiver Afro-Rap aus den Büschen.

Spätestens jetzt wäre ich schon längst geflüchtet, wäre da nicht dieser hinreißende Duft nach gegrilltem Fisch. Ich gehe auf die Pirsch und entdecke einen Feuerstelle, die mit einer alten Waschmaschinen-Trommel upgegradet wurde. Sie dient nun als Grill für Makrelen. Das unbeschreibliche Aroma macht mich fast ohnmächtig…

Doch dann plötzlich Geschreie, Gezeter, Gebrüll – zwei Party-Gemeinden liegen miteinander im Clinch und schreien sich mächtig an. Flaschen (leer oder voll? Ich hoffe leer… erst Seybrew, dann Takamaka-Rum), die vorher nur mehr oder weniger züchtig in der Runde gekreist sind, fliegen jetzt im hohen Bogen. Die Lutballons zerplatzen. Zwei Geburtstagsparties geraten völlig aus dem Ruder. Das sieht nicht gut aus… gar nicht gut. Spätestens jetzt suche ich das Weite.

PS: Auch ich habe heute Geburtstag – ich bleibe lieber auf der Terrasse und bin froh, dass wir den indischen Bautrupp da unten an der Biegung der Straße überzeugen konnten, ausnahmsweise heute mal nicht mit dem Presslufthammer die Felsenarbeiten fortzusetzen. Himmlische Stille. Der Regen ist meine Musik. Mir geht es gut.

Allergie-Alarm: Seidenspinner auf dem Vormarsch!

1. Mai 2017
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Hier kommt ein Update zum leidigen Thema „Seidenspinner-Plage“. Auch wenn es vor ca. einem viertel Jahr den Anschein hatte, dass sich die Seidenspinner-Raupen allmählich verflüchtigen würden, sind sie nun heftiger denn je zugange. Die Viecher heißen „senir plim“ auf kreolisch – aber ich schreibe sie stets „senil plim“, weil ich nicht verstehe, wie sich in das ursprüngliche französische „chenille“ ein „r“ einschleichen konnte – aber das nur am Rande. Auf den Seychellen sind sie auch in ihrer englischen Version „hairy caterpillar“ (haarige Raupe) bekannt.

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Tatsache ist, dass die eigentlich recht possierlichen Raupen sich abermals sprunghaft vermehrten und (vor allem auf  den größeren Inseln wie Mahé, Praslin oder La Digue) ihre stechenden Härchen hinterlassen – egal, ob sie noch leben oder schon längst tot sind. Der Wind reicht aus, um die einzelnen, hauchdünnen, seidigen Flusen in alle Himmelsrichtungen zu tragen.

Ich selbst leide fürchterlich unter allergischen Schüben, die vom aggressiven Giftstoff der Härchen ausgelöst werden. Schrecklicher Hautausschlag mit seinem kontinuierlichen Juckreiz bringt mich fast um: Entweder es sind einzelne großflächige rote Placken, die vor allem an den weichen Hautteilen auftreten (z.B. Innenseite der Oberschenkel, innere Unterarme, Popo) oder es sind zahlreiche kleine Pusteln mit nässenden Kratern (z.B. hinterm Ohr, Haaransatz, im Nacken, ja sogar an Händen und Füßen). So friste ich mein Dasein als trauriges, pickeliges Warzenschwein.

Was war also in den letzten Wochen passiert? Da die Seidenspinner-Raupen hohe Bäume mit großen, dichten Blättern zum Fressen gern haben, hatten sie sich meist Mango, bodanymen (Terrassenbäume bzw. Strandmandeln) oder auch Hibiskus-Büsche ausgesucht. Und da diverse Giftspray-Aktionen seitens der seychellischen Behörden nur teilweise nutzten, sich aber die Raupen weiter in diesen Pflanzen niederließen, legten die Bewohner schließlich selbst Hand an und schlugen die Bäume und Büsche in Windeseile kurz und klein. Die Seidenspinner-Raupen sind dann schließlich auch nicht ganz blöd: Diejenigen, die den Kahlschlag und die Giftattacken überlebt haben, gingen gestärkt und resistent aus dem Ausrottungsversuch hervor und suchten sich kurzerhand neue Pflanzen, in denen sie nun ihr Unwesen treiben und sich natürlich auch wieder vermehren. Besser denn je…

In der Bevölkerung macht sich Murren und Klagen breit, und zwar so, dass selbst ich es hören kann. Man rät mir, dass auch ich meinen geliebten Terrassenbaum umlege, aber ich denke nicht dran. Klar – ich leide unter der Seidenspinner-Allergie, aber ich weiß auch, dass Bäumefällen nun wirklich nichts bringt. Was aber würde helfen?

Wehret den Anfängen! Verwehrt den Raupen, auf den Seychellen Fuß zu fassen, denn bis vor zwei Jahren waren sie doch gar nicht hier!!! Generell hilft gewiss das bisherige Verbot, Pflanzen bzw. pflanzliche/tierische Produkte auf den Seychellen einzuführen. Aber wie sieht das in der Praxis aus?

Beispiel 1: Jüngst in der Condor-Maschine von Deutschland auf die Seychellen … ordnungsgemäß wurde die Kabine vom deutschen Personal ausgesprüht. Der Health Officer, der nach Landung auf dem Internationalen Flughafen von Mahé an Bord kam, meinte jedoch: Dieses Spray würde nix nützen, und so wurde nochmals gesprüht. Mit einem vermeintlich besseren… (so wollen wir wenigstens hoffen, doch eine Frage bleibt offen: War das deutsche bzw. europäische Spray wirklich für umsonst?!?!)

Beispiel 2: Die nächste Maschine von Dubai kommend wurde überhaupt nicht ausgesprüht. Zeugen gibt es zahlreiche.

Beispiel 3: Die Cargo-Ladungen, bestehend aus großen Holzkisten und anderen Verpackungen wurden zwar kontrolliert, aber… wurden dort auch die Eier-Gelege gefunden, die der kleine clevere Seidenspinner hier abgelegt hatte?

Böse Zungen behaupten, dass diverse Insektenplagen über Importe ins Land kämen, die nichts mit den Passagiermaschinen zu tun hätten, sondern mit eingeführten Pflanzen oder Möbeln oder Baustoffen, die einfach ohne unzureichende Kontrollen ihren Weg auf die Inseln fänden. Ich bin weit davon entfernt, irgendjemand für das Desaster verantwortlich zu machen – aber ich bin tief betroffen, wenn die kleinen Kliniken in den einzelnen Buchten nicht mehr Herr der Lage sind, oder wenn mich verzweifelte Mütter anschreiben, die nicht wissen, welche Medizin sie ihren Kindern verabreichen sollen, wenn diese an einer Seidenspinner-Allergie leiden. Zumal dann zumeist die Apotheken geschlossen haben oder es kaum irgendwo anders Hilfe gibt.

Fazit: Spreche ich für mich selbst, so schaffe ich es irgendwie, mit der Allergie klar zu kommen, auch wenn mich immer wieder mal Fieberschübe und Schüttelfrost quälen – aber was juckt mich angesichts dieser wunderbaren Natur, dieser Harmonie zwischen Meer, Palmen und Felsen diese kleine, blöde haarige Raupe, oder?

Doch etwas treibt mich um: Was machen all die anderen, die viel Geld ausgeben, um hier auf den Seychellen einen Traumurlaub zu verbringen? Denen rate ich, auf keinen Fall sich die Haare zu raufen (das machen schon die Seidenspinner mit ihrem haarigen Pelz), sondern sie sind gut beraten, sich daheim mit Arzt und Apotheker abzusprechen. Ein paar Mittelchen gibt es, die weiterhelfen – sei es ein wirksames Anti-Histaminikum, Hydro-Cortison-Salbe oder sogar Cortison nach Anweisung. Klar, dass ich hier nur Hinweise aus eigener Erfahrung geben kann und keine Haftung übernehmen kann. Aber irgendeinen Ausweg gibt es immer – und verzweifeln muss keiner.

Blackout im Paradies

28. April 2017
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Auf den Seychellen ist es mit der Pünktlichkeit so eine Sache. Alles ist es langsamer, gemächlicher und mit exakten Zeitangaben nimmt es keiner so genau. Eigentlich gibt es nur eine einzige Ausnahme: die Cat Cocos. Auf die Minute pünktlich legt die Fähre ab, da gibt es kein Pardon. Aber seit gestern weiß ich: Es gibt noch eine weitere Angelegenheit, die nach exaktem Zeitplan abgewickelt wird – nämlich dann, wenn der hiesige Elektrizitätsversorger den Strom abstellt.

Pünktlich um 9.00 Uhr hieß es gestern nämlich power cut.

Hätte ich die Zeitung gelesen, ja hätte ich nur… denn da wird immerhin brav angekündigt, wann es wieder mal soweit ist mit dem Stromabstellen. Natürlich fällt auch ab und zu immer mal wieder einfach nur so der Strom aus, z.B. wenn es tagelang regnet oder ein heftiger Sturm über die Insel fegt oder wenn irgendein Waldarbeiter etwas zu grobmotorisch bei den Baumfällarbeiten mit der Motorsäge umgeht und den Elektrizitätsmast gleich mit umnietet oder eine Leitung durchtrennt.

Doch dieses Mal war mir sofort klar: Das war kein wetterbedingter dummer Zufall, denn Schlag neun plötzlich alles dunkel wird, dann ist das ein geplanter, ja vorsätzlicher Blackout.

Ich entschließe mich also, lieber auf Nummer Sicher zu gehen und abzuklären, wie lang am Paradies das Licht ausbleibt und rufe PUC über die Hotline an. Immerhin funktioniert mein uraltes Telefon über Festnetz auch ohne Strom. Ich lande in der Warteschleife: „All our agents are busy, please try later“. – Ha, war ja klar. Beim zweiten Versuch hebt erst gar niemand ab. Beim dritten Mal: „All our lines are busy, estimated waiting time is more than 5 minutes.“

Aha, da haben dann wohl more than 5 people gemerkt, dass etwas nicht stimmt und wollen Klarheit, genauso wie ich.

Irgendwann klappt es dann doch und ich komme durch. Bevor ich meinen Satz bzw. meine Frage zu Ende bringen kann, sagt eine immerhin freundliche Telefonistin, dass power cut im gesamten Süden von Mahé sei. Mir schwant nichts Gutes. Das klang so endgültig. Auf die bange Nachfrage, wie lange denn, kommt eine klare, nicht verhandelbare Aussage: bis 16.00 Uhr. Punkt. Sie faselt dann noch etwas von essential work and usual maintenance und dass doch alles in der Zeitung angekündigt worden wäre.

Zeitung hin oder her, mir jedenfalls wirbelt es meinen Tagesplan komplett durcheinander. Waschen wollte ich, aber die Waschmaschine funktioniert mit Strom. Haare waschen wollte ich, doch der Boiler zur Heißwasser-Aufbereitung funktioniert mit Strom. Zur Bank wollte ich, doch der Geldautomat funktioniert mit Strom. Am Laptop wollte ich länger als nur ein, zwei Stunden arbeiten, doch das Akku-Aufladen funktioniert mit Strom. Tanken wollte ich auch, doch die Zapfsäule an der Tankstelle funktioniert mit Strom.

Mir wird klar, wie vieles im normalen Leben mit Strom funktioniert und wie vieles ach so selbstverständlich ist. In den Tropen gewinnt diese Einsicht plötzlich an Gewicht.

Auch der Kühlschrank funktioniert mit Strom. Und das Gefrierfach erst recht. Also immer mit Bedacht auf und zu machen. Wie gut nur, dass ich einen Gasherd habe und mir eigentlich mein kari poul – mein Hühnchen-Curry – kochen kann…

Eigentlich…, denn ich dazu noch dringend ein paar Zutaten und muss deswegen einkaufen. Bei meinem kleinen Inderladen funktioniert leider auch alles nur mit Strom, vor allem die Ladenbeleuchtung. Und deswegen tappe ich erstmal im Dunkeln, als ich durch die sperrangelweite Tür trete, an der sonst das flimmernde Open-Schild mich begrüßt. Heute nur gequält lächelnde Verkäufer. Mit der Handy-Taschenlampe sieht man klarer, aber im hintersten Winkel des Ladens ist es stockdunkel, bis…

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bis, ja bis ich im Schein einer Kerze, die  auf der Tiefkühltruhe klebt, endlich wieder den Durchblick bekomme. Wie einfach! Und wie effizient! Und plötzlich lerne ich das warme Licht einer kleinen Flamme richtig zu schätzen. Dass ich die Zwiebeln, den Ingwer und den Knoblauch finde, ist fast schon Nebensache.

Dass ich heute auch anschreiben lassen könnte, weil die elektronische Kasse nicht funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich genieße Vertrauen, was mich stolz und glücklich macht. Und die Erkenntnis, dass man bei einem Blackout nicht unbedingt gleich schwarz sehen muss, nur weil mal was nicht Plan läuft, gibt es gratis on top und macht mich gelassener. Viel gelassener… zumal ich weiß, dass pünktlich um vier Uhr nachmittags der Strom wieder angestellt wird.

PS: Der Strom kam sogar schon um zwanzig vor vier, denn anscheinend war es den Arbeitern zu heiß und sie wollten schnell in den verdienten Feierabend.

„Bonn anniverser, Annegret Bollée!“ Zum 80. Geburtstag der Grande Dame der Kreolistik

4. März 2017
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Die Seychellois sprechen viel, und sie sprechen laut. Dieser Teppich aus Stimmengewirr ist immer und überall auf den Inseln ausgelegt. Er ist gewebt aus Kreolisch, Englisch und Französisch.

Wer sich sprachlich den Einheimischen nähern will, dem sei empfohlen, ein paar Brocken Seychellen-Kreo­lisch zu lernen. Es ist nicht schwer! Fast jeder Reiseführer für die Seychellen hält im Anhang ein kleines Glossar mit den wichtigsten Vokabeln be­reit. Mittlerweile gibt es auch einen kleinen Sprach­führer aus der Reihe „Kauderwelsch“, der zwar von Sprachwissen­schaftlern (zu Recht) belächelt wird, der aber dem reisenden Otto Normalverbraucher Angst vor dem Lernen einer fremden Sprache nimmt.  In ihm habe ich das Zitat von William Travis aus dem Jahr 1959 gelesen: „Die Seychellen sind zwar eine britische Kolonie, aber die Leute sprechen kaum Englisch hier. Die Lingua franca ist ein primitiver kreo­lischer Dialekt, der wenig oder gar nichts mit dem Französischen gemein hat … Das Kreolische hat keine Ge­schichte, es kann sich nicht weiterent­wickeln und auch keine Literatur hervorbringen. Als Sprache ist es ohne jede Bedeutung“.

Wie bitte??? Der gute Herr Travis mochte zwar Ahnung von der Tiefsee haben, beim Eintauchen in die Sprache der Seychellois hat er sich aber gewaltig den Kopf am flachen Grund gestoßen…

Was kaum einer weiß: Ausgerechnet eine deutsche Professorin – dazu noch beheimatet an der Universität meiner Stadt Bamberg – war es, die den Seychellen in gewisser Weise zu ihrer sprachlichen Identität verhalf. Annegret Bollée wird heute 80 Jahre alt.

Erst seit vier Jahrzehnten gibt es so etwas wie ein sprachliches „Nationalbewusstsein“ auf den Seychellen. Wie kam es dazu? Der Auslöser hierfür liegt in den frühen 1970er Jahren, als Annegret Bollée gerade dabei war, sich auf ihre anstehende Habilitation vorzubereiten. Genauer gesagt, war es eine Konferenz an der Universität Köln, die ihr sprachwissenschaftliches Interesse an den Kreol-Sprachen im Allgemeinen weckte. Als sie dann über Stationen auf Mauritius und Réunion sich den Seychellen und der dort existierenden Sprache näherte, war die Forschungslage total unübersichtlich, oder besser gesagt: überhaupt nicht vorhanden. Zunächst einmal näherte sich Annegret Bollée dem kreol seselwa über Märchen und mündlich überlieferte Erzählungen, die seinerzeit in der „Creole Hour“ noch im Radio ausgestrahlt wurden. Daraus wurden dann „kreolistische Ausflüge“ und Forschungsaufenthalte auf den Inseln, die noch das Prädikat „Abenteuer“ verdienten. Mit Tonbändern bewaffnet, so ging es damals auf Feldforschung und umfangreiche Sprachaufzeichnungen, Auswertungen und Analysen standen auf dem Programm. Darauf aufbauend erfolgte das schwierige Stadium, dieser Sprache eine eigene Orthografie zu geben. Als zudem Annegret Bollée 1977 schließlich den Grundstein für eine Grammatik legte, diese dann gedruckt in Händen hielt, war der sichtbare Beweis erbracht: das kreol seselwa ist nicht irgendeine Missgeburt unter Dialekten, nein – es ist eine eigenständige Sprache.

Verschriftung war das Zauberwort! Und so gibt es dank der Arbeit von Annegret Bollée nicht nur eine Orthographie und eine Grammatik – auch das erste Buch in seselwa kreol, das je erschien, hatte sie auf den Weg gebracht. Dennoch, obwohl sie soviel für diese Sprache geleistet hat, war die Resonanz bei den Einheimischen ernüchternd. In einem Interview sagte Annegret Bollée auf die Frage: „Hat man Ihnen dies auf den Seychellen in irgendeiner Weise gedankt?“: „Nein, das kann ich ganz klar verneinen“ (Quelle, siehe unten, Seite 208). – Was sie aber dennoch nicht davon abhielt, weiter über das kreol seselwa zu forschen. So entstand das Dictionnaire étymologique des créoles français de l’Océan Indien (DECOI): ein ganz spezielles Wörterbuch, mit dem die Herkunft des Vokabulars geklärt werden kann, das uns überall auf den Inseln begegnet.

Doch Kreolisch existiert nicht nur auf den Seychellen, sondern wird – jeweils in unterschiedlicher Form – rund um den Äquator gesprochen: in der Karibik auf Dominica, Guadeloupe, Haiti, Martinique und St. Lucia, westlich von Afrika auf den Kapverdischen Inseln, östlich von Afrika auf den Inseln des Indischen Ozeans. Der Ursprung des Seychellen-Kreol liegt irgendwo rechts von Ma­dagaskar, in einem Gebiet, das sich als Mascarenen in den Geographiebüchern finden lässt. Der Grundstein für dieses »Prototypen-Kreo­lisch« wurde mit der französischen Koloni­sation der bis dato unbewohnten Insel La Réunion im Jahr 1665 gelegt. Die neuen Herren beschafften sich Sklaven, und da auch damals schon Kosten­senkungspotenziale ausgeschöpft werden mussten, wählten sie eine seinerzeit durchaus als günstig zu bezeichnende Beschaffungsquelle: Madagaskar.

Wenig später kamen Inder und Indo-Portugiesen dazu, die bereits um die Jahrhundertwende, also um 1700, annähernd ein Viertel der versklavten Bevölkerung ausmachten. Damit nicht genug: Die­ses Völkergemisch wurde angereichert durch den gezielten »Import« von Schwarzen. Sie stammten aus anderen Teilen Afrikas, vor allem aus Mo­zam­bique. Da die Kolonialherren auf starke und leis­tungsfähige Arbeitskräfte auf ihren Zucker­rohr- und Vanilleplantagen bedacht waren, wollten sie die Debilität fördernde Inzucht unter den Sklaven vermeiden. Sie sorgten sogar für frisches Blut aus Guinea. – Das kreolische Vielvölkervolk war ge­boren. Und genauso schnell, wie es in nur we­nigen Jahrzehnten zusammen­gewürfelt wurde, genauso schnell entwickelte sich das Kreolische. Also (zum Bedauern der Sprachwissenschaftler) keine Sprache mit jahrhundertlanger Evolution und Tradition – ganz im Gegenteil! Wir haben es beim Kreolischen mit einer sehr jungen Sprache zu tun, denn damals musste in Windeseile ein Sprach­vehikel her, so dass sich nicht nur die Kolonial­herren mit ihren Sklaven, sondern auch diese untereinander verstän­digen konnten.

Die ersten davon, die die Seychellen erreichten, waren die Begleiter von ungefähr einem Dutzend französischer Siedler. Sie landeten auf der Haupt­insel Mahé am 27. August 1770 – genauer gesagt, landeten sie vor Mahé im heutigen Wasser­schutzgebiet und Nationalpark Sainte Anne und bauten auf der gleichnamigen kleinen Insel ihre erste Plantage. Sie kamen aus Mauritius und brachten von dort als praktisches Souvenir das mittlerweile hundertjährige Kreolisch auf die Seychellen mit. So entstand zunächst beinahe unbemerkt eine ganz besondere Sprache, die in dieser Form weltweit einzigartig ist: das Seychellen-Kreol. Es gehört zu den französischbasierten Kreolsprachen, den sogenannten „Frankokreolsprachen“.

Was es damit auf sich hat? Es ist eine Sprache, die nur entstehen konnte, weil die Sprache der französischen Kolonialherren auf die ihrer afrikanischen Sklaven prallte. Die mussten sich – ob sie wollten oder nicht – irgendwie mit ihren Herren arrangieren. Deswegen geht Annegret Bollée davon aus„…, dass die Kreols einschließlich ihrer Grammatik aus Basissprachen entstanden sind…, die Frankokreols aus dem Französischen, dem gesprochenen Französisch der Kolonialzeit“ (Quelle siehe unten, Seite 198).

Doch Annegret Bollée ging es nie nur um die Sprache. Stets hatte sie das Schicksal der Menschen im Auge. Mit viel Engagement setzte sie sich für einen Imagewandel und die Aufwertung des seselwa kreol ein, das stets unter dem Stigma einer „Sklavensprache“ litt und nicht so recht einen etablierten Platz im Bildungssystem finden wollte. Das Vorurteil, dass das seselwa kreol primitiv sei und sich weit davon entfernt befinde, den Status einer „richtigen Sprache“ einzunehmen, versucht  sie bis heute mit ihrer wissenschaftlichen Forschung zu entkräften.

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Bollée, Annegret: Beiträge zur Kreolistik. Herausgegeben sowie mit Vorwort, Interview, Schriftenverzeichnis und Gesamtbibliographie versehen von Ursula Reutner als Festgabe für Annegret Bollée zum 70. Geburtstag,  hier: „Kapitel V. Im Gespräch mit Annegret Bollée, S. 189 – 215, Verlag Buske/Kreolische Bibliothek 21 Hamburg 2007 – nachzulesen im Web-Schriftenverzeichnis von Ursula Reutner