Tag: Strom

Blackout im Paradies

28. April 2017

Auf den Seychellen ist es mit der Pünktlichkeit so eine Sache. Alles ist es langsamer, gemächlicher und mit exakten Zeitangaben nimmt es keiner so genau. Eigentlich gibt es nur eine einzige Ausnahme: die Cat Cocos. Auf die Minute pünktlich legt die Fähre ab, da gibt es kein Pardon. Aber seit gestern weiß ich: Es gibt noch eine weitere Angelegenheit, die nach exaktem Zeitplan abgewickelt wird – nämlich dann, wenn der hiesige Elektrizitätsversorger den Strom abstellt.

Pünktlich um 9.00 Uhr hieß es gestern nämlich power cut.

Hätte ich die Zeitung gelesen, ja hätte ich nur… denn da wird immerhin brav angekündigt, wann es wieder mal soweit ist mit dem Stromabstellen. Natürlich fällt auch ab und zu immer mal wieder einfach nur so der Strom aus, z.B. wenn es tagelang regnet oder ein heftiger Sturm über die Insel fegt oder wenn irgendein Waldarbeiter etwas zu grobmotorisch bei den Baumfällarbeiten mit der Motorsäge umgeht und den Elektrizitätsmast gleich mit umnietet oder eine Leitung durchtrennt.

Doch dieses Mal war mir sofort klar: Das war kein wetterbedingter dummer Zufall, denn Schlag neun plötzlich alles dunkel wird, dann ist das ein geplanter, ja vorsätzlicher Blackout.

Ich entschließe mich also, lieber auf Nummer Sicher zu gehen und abzuklären, wie lang am Paradies das Licht ausbleibt und rufe PUC über die Hotline an. Immerhin funktioniert mein uraltes Telefon über Festnetz auch ohne Strom. Ich lande in der Warteschleife: „All our agents are busy, please try later“. – Ha, war ja klar. Beim zweiten Versuch hebt erst gar niemand ab. Beim dritten Mal: „All our lines are busy, estimated waiting time is more than 5 minutes.“

Aha, da haben dann wohl more than 5 people gemerkt, dass etwas nicht stimmt und wollen Klarheit, genauso wie ich.

Irgendwann klappt es dann doch und ich komme durch. Bevor ich meinen Satz bzw. meine Frage zu Ende bringen kann, sagt eine immerhin freundliche Telefonistin, dass power cut im gesamten Süden von Mahé sei. Mir schwant nichts Gutes. Das klang so endgültig. Auf die bange Nachfrage, wie lange denn, kommt eine klare, nicht verhandelbare Aussage: bis 16.00 Uhr. Punkt. Sie faselt dann noch etwas von essential work and usual maintenance und dass doch alles in der Zeitung angekündigt worden wäre.

Zeitung hin oder her, mir jedenfalls wirbelt es meinen Tagesplan komplett durcheinander. Waschen wollte ich, aber die Waschmaschine funktioniert mit Strom. Haare waschen wollte ich, doch der Boiler zur Heißwasser-Aufbereitung funktioniert mit Strom. Zur Bank wollte ich, doch der Geldautomat funktioniert mit Strom. Am Laptop wollte ich länger als nur ein, zwei Stunden arbeiten, doch das Akku-Aufladen funktioniert mit Strom. Tanken wollte ich auch, doch die Zapfsäule an der Tankstelle funktioniert mit Strom.

Mir wird klar, wie vieles im normalen Leben mit Strom funktioniert und wie vieles ach so selbstverständlich ist. In den Tropen gewinnt diese Einsicht plötzlich an Gewicht.

Auch der Kühlschrank funktioniert mit Strom. Und das Gefrierfach erst recht. Also immer mit Bedacht auf und zu machen. Wie gut nur, dass ich einen Gasherd habe und mir eigentlich mein kari poul – mein Hühnchen-Curry – kochen kann…

Eigentlich…, denn ich dazu noch dringend ein paar Zutaten und muss deswegen einkaufen. Bei meinem kleinen Inderladen funktioniert leider auch alles nur mit Strom, vor allem die Ladenbeleuchtung. Und deswegen tappe ich erstmal im Dunkeln, als ich durch die sperrangelweite Tür trete, an der sonst das flimmernde Open-Schild mich begrüßt. Heute nur gequält lächelnde Verkäufer. Mit der Handy-Taschenlampe sieht man klarer, aber im hintersten Winkel des Ladens ist es stockdunkel, bis…

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bis, ja bis ich im Schein einer Kerze, die  auf der Tiefkühltruhe klebt, endlich wieder den Durchblick bekomme. Wie einfach! Und wie effizient! Und plötzlich lerne ich das warme Licht einer kleinen Flamme richtig zu schätzen. Dass ich die Zwiebeln, den Ingwer und den Knoblauch finde, ist fast schon Nebensache.

Dass ich heute auch anschreiben lassen könnte, weil die elektronische Kasse nicht funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich genieße Vertrauen, was mich stolz und glücklich macht. Und die Erkenntnis, dass man bei einem Blackout nicht unbedingt gleich schwarz sehen muss, nur weil mal was nicht Plan läuft, gibt es gratis on top und macht mich gelassener. Viel gelassener… zumal ich weiß, dass pünktlich um vier Uhr nachmittags der Strom wieder angestellt wird.

PS: Der Strom kam sogar schon um zwanzig vor vier, denn anscheinend war es den Arbeitern zu heiß und sie wollten schnell in den verdienten Feierabend.

Eigentlich war es nichts anderes als Fernweh und die Suche nach dem perfekten Inselidyll, was Heike Mallad auf die Seychellen brachte: 1998 verbrachte sie zum ersten Mal eine Woche auf den Trauminseln im Indischen Ozean.