La Digue: Eine Insel steht Kopf!

15 August 2017

Wenn mich jemand nach den drei besonderen Dingen fragen würde, die es nur auf La Digue gibt und sonst nirgends auf den Seychellen, sähe meine Antwort wie folgt aus:

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  • Der rote Kardinal (fodi madagascariensis) heißt hier taroza – und keiner weiß warum. (Danke, Rainer Bauerdick für Dein Foto!)
  • Es gibt gefühlt mehr Fahrräder als Menschen.
  • Maria Himmelfahrt ist wichtiger als Weihnachten.

Und genau zu dieser lafet sent mari – also zum Fest Maria Himmelfahrt, am 15. August, platzt La Digue aus allen Nähten, weil nicht nur die digwa (die Einwohner von La Digue), sondern gleich der halbe Archipel mitfeiert. Der Einfachheit halber nennen es die Inselbewohner einfach lafet La Digue, weil es nur EIN Fest in dieser Dimension auf La Digue gibt! Regelrechte Völkerwanderungen setzen sich von  Praslin und Mahé aus in Marsch. Die Fähren fahren öfter als sonst, Unterkünfte sind auf Monate hin ausgebucht. Wer Verwandte auf La Digue hat, darf sich glücklich schätzen. Hier werden alle Geschwister, Onkel und Tanten und selbstverständlich auch die Cousinen 3. Grades nebst ihren Verwandten untergebracht. Wäre La Digue nicht eine solide Granit-Insel, man müsste glatt befürchten, dass sie ob dieser Überlast einfach untergeht.

Aber warum eigentlich will jeder, aber auch jeder Maria Himmelfahrt – immerhin ein katholisches Hochfest – auf La Digue feiern? Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass die Seychellen mehr als 80 Prozent Katholiken sind. Der zweite wichtige Punkt ist, dass das einzige Kirchlein auf La Digue den Namen „Notre-Dame de l’Assomption“ heißt. Das ist also weit mehr als nur eine Art Kirche „Zu unserer lieben Frau“, es ist die Kirche „St. Maria Himmelfahrt“ und Maria ist ihre Schutzpatronin. Ihr zu Ehren findet dann alljährlich am 15. August eine eindrucksvolle Prozession statt, bei der feierlich eine  Marienstatue zur festlichen Messfeier in die Kirche getragen wird – geschmückt mit Palmwedeln und haufenweise Blumen (hauptsächlich Plastikrosen und Co.), begleitet von der gesamten Inselbevölkerung, alle in Sonntagskleidung herausgeputzt, die Männer in langen Hosen und Hemden, die Frauen in den mondänsten Kleidern, die Kommunionmädchen des aktuellen Jahrgangs wie kleine Bräute ganz in weiß mit vielen Rüschen – andächtig und unglaublich innig.

Das ist aber auch schon der einzige andächtige und unglaublich innige Programmpunkt bei der lafet La Digue, denn der Rest ist eine einzige Party. Und die geht bereits schon am Wochenende vorher los. Ein einziger Tag für so ein wichtiges Fest wäre doch eh viel zu kurz, oder? Überall ist Remmidemmi, überall viele Leute, überall buntes Treiben, selbst an den noch so winzig-witzigen Vergnügungsbuden, die den Charme von nostalgischen Spielen wie Büchsenwerfen und Wurstschnappen längst vergessener Kirmes-Tage haben. Überall schallt Musik – und wenn ich Musik sage, dann meine ich VIEL Musik und LAUTE Musik, vor allem Richtung Jetty und Hafenbar. Warum, so denkt sich wohl hier jeder, soll der Lautstärkeregler auf 9 stehen bleiben, wenn er doch noch drei weitere Stufen hat und sich bis auf 12 drehen lässt? Während es sonst eher beschaulich auf der Insel zugeht und hauptsächlich an der Anse Source de l’Argent ein paar mehr Fress-Buden und Strand-Bistros als sonstwo gibt…

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…finden sich nun überall, vor allem in La Réunion und La Passe im Inselinneren, kleine Stände mit Take-Away-Köstlichkeiten, direkt an der Straße und mehr oder weniger direkt vor der eigenen Haustür. Demzufolge ist das Ganze eine herrlich authentische Streedfood-Parade, bei der es sich lohnt, möglichst viele hausgemachten Spezialitäten zu probieren.

Auch wenn es hoch hergeht, auch wenn viel – ja, viel zu viel getrunken! – um nicht zu sagen gesoffen wird,  auch wenn härtere Dinge im Umlauf sind und leider Polizeipräsenz und Drogenkontrollen zugenommen haben, auch wenn ich sonst kein großer Freund von Menschenaufläufen jeglicher Art bin, auch wenn ich nach dreimaligem Besuch des Festes eigentlich genug davon habe – eines steht fest:

Die lafet sent mari gehört als lafet La Digue zu La Digue wie die wundervollen Granitfelsen in der Anse Source de L’Argent und die Fahrräder. Dieser Rummel ist voller Lebensfreude und hat nichts zu tun mit Oktoberfest-Gegröle oder Ballermann-Plemplem. Es ist traditionelle Lebensfreude, die zu Herzen geht; das Inselglück ist zumindest an diesem Tag ungetrübt.