Author:Dr. Heike Mallad

Die „Inner Seychelles“ – über Mont Plaisir von Küste zu Küste

15. Februar 2017

Wie heißt es doch so schön: Wahre Schönheit kommt von innen!

Aber wer auf die Seychellen reist, sucht vor allem eines, nämlich das oberflächliche Klischee: den perfekten Strand, den weißesten Sand, das klarste Wasser. Das kann er alles kriegen, und zwar mehr als genug.

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Doch es gibt mehr als Meer. Weitaus mehr „Mehr“. Das liegt versteckt zwischen den Küsten, in den Bergen und in den tief eingeschnittenen Tälern, hinter dichten Mauern aus Urwald und zwischen riesigen Felswackern aus Granit.

Die Seychellen – wie sie kaum einer kennt!

Die Seychellen – ein Schatzkästchen voll wertvollster Überraschungen!

Machen wir uns auf zu einer Entdeckungstour!

Suchen wir uns einen dieser hintersten Winkel und erkunden wir das Land, wie es wirklich ist: die „Inner Seychelles“. Ich meine hier nicht: die inneren Seychellen-Inseln (die wichtigsten davon sind: Mahe, Praslin, La Digue, Cerf, Bird Island, Curieuse, Silhouette, North, Cousin, Marianne, Felicite, Aride), sondern ich meine buchstäblich: das Innere der Seychellen. Also genau das entdecken, was das Innere, den Herzschlag der Inseln ausmacht. Das geht am besten zu  Fuß, auch wenn es anstrengend ist. Niemandem kann ich empfehlen, auf eigene Faust durch die tiefen Wälder zu streifen, aber meine kleine Tour ist gut geeignet für Menschen mit einer – sagen wir mal – durchschnittlichen bis guten Kondition, mit festem Schuhwerk und ausreichender Wasserversorgung. Die Tour führt von Westküste nach Ostküste, immer der Straße entlang. Das tut den sich offenbarenden Schönheiten der Natur keinen Abbruch, denn es ist eine kleine Straße, wenig befahren und weit ab vom öffentlichen Pulsschlag.

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Wir sind auf Mahé, im Süden der Insel. Früher, ja früher vor 20 Jahren, war es  ziemlich verpönt, im Süden der Insel zu wohnen. Noch heute zieht es die meisten, die auf den Seychellen dauerhaft wohnen wollen, in den Norden. Die vermeintliche Nähe zur Hauptstadt ist es, die die Bevölkerungszahlen in den Gebieten „Bel Air“ und „Bel Ombre“ sowie rund um den Beau Vallon rasant hat ansteigen lassen. Mitleidig wurde ich belächelt, wenn ich erzählte, dass wir in der Anse Louis wohnen, im wilden Süden…

Und heute? Heute höre ich immer wieder wehmütige Stimmen, die folgendes beklagen: „Früher, da war La Digue der wildromantischste Fleck auf den großen Seychellen-Inseln. Aber heute … heute findest Du genau das im Süden Mahés, was Dir früher so gut auf La Digue gefallen hat“. Ursprünglichkeit heißt das Zauberwort.

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Wer mit dem Bus fährt, steigt in der Anse Boileau aus, entweder bei der Feuerwehr („fire brigade“) oder bei der „District Administration“. Notfalls den Busfahrer fragen. Wer einen Leihwagen hat, kann ihn in der Nähe des Lieferanteneingangs vom Maja Hotel abstellen. Nur ein ganz kurzer Weg ist es von beiden Haltepunkten zum Beginn der Bergstraße „La Salette“. Sie beginnt an einem runden Verkehrsspiegel, mitten in der Krümmung einer scharfen Kurve. Ob ein Schild mit „Sanctuaire Notre Dame de La Salette“ – dem Hinweis auf das kleine Kirchlein „Zu Unserer Lieben Frau von La Salette“ – dort hängt, und wenn ja, ob es sichtbar ist, das ist leider tagesformabhängig.

Dann geht es schon los, zunächst durch kleine niedliche und gepflegte Siedlungen, bevor dann schnell die Straße ganz steil ansteigt. Zwei, drei kleine Wege zweigen nach links ab, einer führt auf den Friedhof von Anse Boileau, wo auch einer der beiden erschossenen „Helden“ des Regierungsputschs vom 5. Juni 1977 begraben liegt. Der andere Weg führt über eine kleine Brücke in das Tal von „Dan Bambou“ – im Bambus liegend.

Steil schraubt sich für ungefähr eineinhalb Kilometer die Straße höher und höher, durch ein Gebiet, das „Rousay“ heißt – nach einem Busch benannt, der rosa Blüten und kleine kirschenähnlichen Früchte trägt, die die Schulkinder auf ihrem Weg hinab früher als Durstlöscher genascht haben müssen. Abends, wenn das kleine Kirchlein läutet, steht die Welt hier oben still, alles ist ruhig und friedlich. Ein Ausblick offenbart, wie sehr die Schöpfung diese Inselwelt privilegiert hat.

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Direkt an der Zufahrt zur Kirche gabelt sich der Weg. Gerade aus führt die Verbindung schnurstraks wieder ans Wasser, in die Anse La Mouche. Nach links aber geht es unmittelbar in die „Inner Seychelles“ – in das Berggebiet von Mont Plaisir, dem „Berg des Vergnügens, des Wohngefallens“. Na, das ist doch ein Wort.

Es sind wie im richtigen Leben viele Höhen und Tiefen, die es hier zu überwinden gibt. Wem das Ganze zu beschwerlich wird, der bleibt einfach an einer Bushaltestelle stehen, entweder erkennbar an einem auf dem Asphalt aufgemalten „Bus Stop“…

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…oder an den Leuten, die sich hier schon versammelt haben. Trampen ist auch eine Möglichkeit, und auch gar keine besonders aussichtslose. Die Leute hier oben sind freundlich und hilfsbereit.

Nach ungefähr zwei Kilometer ist das Schlimmste überstanden und es geht langsam wieder abwärts. Ein kleiner Mini-Supermarkt bietet für alle Fälle Getränke und Snacks an, das hat sich jeder Wanderer verdient, der zuvor die immensen Steigungen bewältigt hat. Belohnt wurde er nicht nur mit atemberaubenden Ausblicken nach unten, an die Westküste (dies aber nur für den Fall, dass er sich umdrehte), sondern auch mit Einblicken in eine faszinierende Tropennatur, die die kleine Montplaisir-Straße links und rechts mit Bambus, wilder Ananas, unnatürlich großen und fleischigen Schlingpflanzen und den allgegenwärtigen Baumriesen der Schirmarkazien parat hält.

Endlich  dann ein kleines Dorf, sofern es sich überhaupt gebietet, in dieser Häuseransammlung ein Dorf zu sehen. Für mich ist es eines, denn da trägt ein garagenähnlicher Schuppen mit Wellblechdach ein kleines Kreuz – ergo Kirche. Da sind zwei Geschäfte mit einer Handbreit Parkfläche – ergo Marktplatz. Und da sind zwei riesige Frischwasserbecken, die den Regen sammeln, für schlechte Zeiten.

Von hier aus schlängeln sich Serpentinen halsbrecherisch nach unten, aber sie sind ungefährlich, weil die Straße gut ausgebaut ist und stets genügend Platz für Autos, Busse UND Fußgänger bleibt. Allmählich gibt der Wald eine traumhafte Sicht auf die Ostküste frei – die Anse Royale liegt zu unseren Füßen, so wie es sich für eine Königsbucht gehört.

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Doch bevor es hinab ans Blau geht, heißt es: aufgepasst! In waghalsigen Manövern fahren nun mehr Autos „up and down“, denn die Besiedelung wird dichter. In steilen Wellen klettern die Häuser die saftigen Hügel hinauf, um von dort oben auf den gleißenden Meeresspiegel zu schauen. Wie gut, dass Schatten am Mont Plaisir kein Fremdwort ist…

Allmählich wird aus dem Sträßlein eine Straße. Kurz bevor sie sich in die Ebene ergießt, winkt rechterhand am Hang, etwa zurückgesetzt, eine kleine Farm: „Golden Eggs“ – ein Hühnerhof, der so goldig und gelb unter dem dunklen Grün der Palmen hervorlugt, dass es kein besseres Marketing für Bio-Geflügel und Eier braucht. Wer sich traut, geht hin, kauft einige und transportiert sie vorsichtig nach Hause oder in sein Self Catering Appartment. Diese Eier sind nämlich die Wucht. Die Hühner sind – wie könnte es anders sein – die größten Freigänger der Welt, sie scharren sich durch den Urwald und bekommen Kokosnussraspeln gefüttert; es gibt keine bessere Geschmacksgarantie!

Endlich unten in der Anse Royale  – es ist Mittag und Horden von Kindern und Studenten ergießen sich in der Kreuzung, denn hier sind nicht nur die Bushaltestellen, sondern viele kleine Läden, die die heißbegehrten Pausen-Snacks und Süßigkeiten verkaufen. Rechterhand grüßen Polytechnikum und Universität, linkerhand winken die Studentenwohnheime, gefolgt vom noch ziemlich weißen Neubau des Krankenhauses. – Wir sind in der Realität angekommen. Dann  ist nun wirklich die Wanderung zu Ende. Halt – ein Kaffee, ein kaltes Getränk, das wäre jetzt nett. Früher wäre das „Kaz Kreol“ hierfür erste Wahl gewesen, leider geschlossen, für immer. Aber es gibt gute Alternativen: die kleine Bar „Olé“ oder aber auch das nette Strandrestaurant „Aux dauphins heureux“ – zu den glücklichen Delphinen. Und genauso fühlt es sich an, wenn man direkt dort noch ein abschließendes erfrischendes Bad nimmt…

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Wanderung auf Mahé – Südwesten: Von der Anse Boileau in die Anse Royale – ca. 6 km, aufgrund der z.T. sehr steilen Streckenabschnitte Dauer ca. 2 bis 3 Stunden, je nach Kondition und Sonnenstand. Von der Anse Royale mit dem Bus oder einem Taxi wieder zurück zum Ausgangspunkt, ob dort ggf. seinen Mietwagen wieder aufzunehmen.

Alternative: nur ein Teil der Strecke über die Mont Plaisir-Road wandern, wenn die Puste ausgeht, den nächstbesten Bus anhalten und direkt in die Anse Royale fahren.

Beste Tageszeit für die Tour: früher Morgen, später Nachmittag – Achtung, die Sonne geht schnell unter und ab halb sieben kann es bereits stockdunkel sein.

Bilder: mit freundlicher Unterstützung von http://rainerbauerdick.de

„Together“ – zusammen heben wir ab! Die neuen„Überflieger“ der Seychellen

11. Februar 2017

Seit ein paar Monaten gibt es hier eine wunderbare „Neuerscheinung“ auf den Seychellen: kleine schwarze Fliegen, die hier in den Abendstunden nach dem Rechten sehen. Man kann nicht sagen, dass sie verfressen sind. Sie sind keine Blutsauger, aber sie sind so neugierig, dass sie gern die Dämmerung nutzen, um auf den Tellern nach dem Rechten zu sehen. Allein sind sie nicht unterwegs, das wäre ja auch langweilig. Nein, in großen Wolken schwärmen sie aus und laden sich gern in jedes x-beliebige Inselhaus zum Abendessen ein. Vor allem da, wo die Häuschen ganz geschützt und vor jedem Windhauch sicher unter Palmen ruhen und sich in die Felsen schmiegen, fühlen sie sich wohl. Eine kühle Brise mögen sie nicht, das würde ihre kleinen Flügelchen verwirbeln.

Ich habe zwei von diesen Plagegeistern gefangen – einen im Norden Mahés und einen im Süden. Und habe die toten Tierchen sicher in einem Glas verschlossen nach Deutschland gebracht, wo sie das Hamburger Tropeninstitut analysiert hat. Das Ergebnis: Es handelt sich um Bartmücken, die auch als Gnitzen (Ceratopogonidae) bekannt sind. Weltweit gibt es ungefähr 4.000 verschiedene Sorten dieser Gnitzen, allein in Deutschland sind fast 200 davon bekannt. Auf den Seychellen waren sie bis im vergangenen Jahr überhaupt nicht existent. Jetzt haben sie das Kommando übernommen und  ballen sich so rasend schnell in großen Horden zusammen, dass sie die Einheimischen „together“ („Zusammen“) genannt haben. Warum „together“? – Vor kurzem war hier auf den Seychellen noch ein engagiertere Wahlkampf zugange und die Anhänger der Regierungspartei SPPF haben sich genauso schnell zusammengefunden wie die kleinen geflügelten Gesellen. – Gemeinschaftsgefühl „to go“ – together, so geht’s eben!

Einmal war die Plage in den Abendstunden so schlimm, dass sich viele Einheimische nicht mehr von den schwarzen Fliegen retten konnten und auf das Abendessen verzichteten. Sie mussten es schlichtweg stehen lassen, weil die kleinen Eindringlinge eine feindliche Übernahme vornahmen. Kurze Zeit später berichtete SBC  (Seychelles Broadcasting Corporation), das seychellische Fernsehen, über diese Invasion: Klar, die kleinen Fliegen seien zwar lästig, aber sie seien harmlos. Wenn man sie schon nicht ignorieren könne, dann wäre es überhaupt keine Gefahr sie mitzuessen. Sie seien schließlich ein klasse Protein-Snack.

Genau so habe ich es dann schließlich auch gemacht. Es hat mir nicht geschadet. Aber die Viecher sind ihrer verdienten Strafe nicht entkommen.

Sie machten ein „sauberes Geschäft“ mit ihrem Tod! Denn: Was ich noch nicht wusste, aber hätte ahnen können: Die „together“-Fliegen mögen wie jedes andere Insekt gern gelb.

 

 

 

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Und in einer gelben Plastikbox bewahre ich mein Waschmittel auf – darin gingen sie ein, wie die Fliegen! Und dem Rest gab ich den Rest – in der Waschmaschine! 

High Noon auf den Seychellen

10. Februar 2017

Die Mittagspause ist heilig. Auf den Seychellen jedenfalls. Welch unbeschreibliches Glücksgefühl, einen so geregelten Alltag zu haben, der das 12-Uhr-Läuten in zwei Tageshälften teilt. Okay, wenn nicht punkt Zwölf, dann zumindest halb Eins. Aber dann ist wirklich Schluss, dann ist wirklich Mittag. Was dann passiert, ist Ritual. Da kaum einer sich sein Essen zuhause vorbereitet und in die Arbeit mitgebracht hat, stürmt ein jeder zu (s)einem „Take Away“. Halt – nicht jeder: Die Inder haben ihren „Henkelmann“ dabei und hocken sich im Schneidersitz in den nächstgelegenen Schattenplatz, um dort zu speisen. Nein, selbst die einfachsten indischen Arbeiter essen nicht einfach, sie SPEISEN. Sie verwandeln selbst die simpelste Mahlzeit in ein raffiniertes Mehr-Gänge-Menü. Sie haben eine Art „Henkelmann“ dabei – aus drei, vier einzelnen Metalldosen, die übereinander gestapelt mit Klammern und Henkel befestigt werden und als „Dabba“ ein perfektes Mittagessen servieren. Darin befinden sich die wundervollsten Köstlichkeiten: Dhal (Linsen), Lassi (Joghurt), geschmortes Gemüse, Curry-Reis.

Genauso variantenreich geht es an den Take-Away-Ständen der Seychellen zu. Für nur zwei bis vier Euro (derzeit 30 bis 60,– SCR) gibt es einen feinen Schmaus, der nichts mit dem uns bekannten Fast Food zu tun hat. „Fast“ schnell müssen tatsächlich die kleinen Stände auf den Inseln unterwegs sein, wenn alle zur gleichen Zeit etwas zu essen haben wollen. Riesige Schlangen bilden sich in der Mittagszeit – was aber gar nicht so schlecht für die Besucher der Seychellen ist, denn daran erkennen sie, an welchem Food Truck, in welch kleiner Blechhütte das beste des begehrten Street Food zubereitet wird.

Mein Favorit ist vor allem gebratenes Gemüse – oft mit Auberginen, Bohnen, Okra, Kraut und Karotten, dazu ein satini – ein „Chutney“, wobei dies meist irgendein geraspeltes grünes Obst ist, z.B. frisiter  („fruit Cythère“ oder „Golden Apple“) und Papaya. Super sind auch die sauren Mango-Salate oder alles, was mit Kürbis zu tun hat. Solche exotischen Arrangements gehen irgendwie immer. Bei Hühnchen-Curry (kari poul) mache ich meist einen großen Bogen um das Gewölle denn es besteht oft aus mehr Knochen und Knorpel als aus Fleisch. Genial sind dagegen gebratener Fisch oder aber auch la dob (eine Art Stampf aus Brotfrucht oder Süßkartoffeln mit Kokosnus-Milch) – Achtung: totales Sättigungsgefühl!!! In den Monaten des Südost-Monsuns, wenn der Fisch rar ist, gibt es auch pwason sale – ein Schöpfgericht aus gesalzenem, getrocknetem Fisch, sehr gewöhnungsbedürftig, aber auch sehr authentisch. Einfach mal ausprobieren.

Die Take-Aways sind Fluch und Segen zugleich für die Inseln: Einerseits sind sie wie ein Bollwerk gegen McDonalds und Burger King, andererseits liefern sie haufenweise Müll, denn die Styropor-Behälter mitsamt dem Plastikbesteck werden in der mitgelieferten dünnen Plastiktüte meist allzu gern in irgendeinem großen Busch entsorgt – und keiner hat’s gemerkt.

Immer wieder sind Lobeshymnen über das über alle Maßen gesunde „Fast Food“ der seychellischen Take-Aways zu hören. Ja, im Prinzip richtig! Aber leider nur zum Teil: Denn oftmals werden frittierte Zutaten in schlechtem, altem Öl ausgebacken, oder Gemüsereste triefen vor zu viel Fett und Instant-Saucen. Wie so oft gilt die alte Regel: „Probieren geht über Studieren“. Und einfach mal die Einheimischen fragen und sich an der längsten Schlange anstellen. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen! Vor allem deswegen, weil momentan Street Food zu den angesagtesten Food-Trends des Jahres gehört. Ein Land und seine Menschen richtig kennenlernen, das gelingt am besten bei Essen und auf der Straße, also im Volk und mit dem Volk! Und nirgendwo schmecken die Seychellen seychellischer als an einem richtigen Take-Away! Bon appetit!

Seychellische Nächte: Von Hunden und Hühnern und von Fröschen

26. Oktober 2016

Der Neumond nähert sich und die letzte Nacht war bereits rabenschwarz, abgesehen von den glitzernden Sternen. Doch wer denkt: ganz dunkel bedeutet ganz still, der hat noch nie in einem Tropenhaus im Süden Mahés geschlafen. Auch wenn es Stunden gibt, in denen es mucksmäuschenstill ist – das ist definitiv die Ausnahme.

Zunächst die Hunde: Mit einsetzender Dunkelheit starten sie ein unglaubliches Jaul- und Kläff-Konzert. Meist beginnt irgendeiner im hintersten Winkel des Tales, dann antworten die anderen und schließlich stimmt dann der Rest mit ein. Es sind in der Regel zunächst einmal keine freilaufenden Tiere. Jeder seychellische Haushalt hat mindestens drei bis fünf von ihnen, die manchmal ein trauriges Dasein in viel zu engen Zwingern fristen. Ihre Art der Freiheit ist dann Bellen bis zum Abwinken oder zumindest, bis endlich Futter kommt. Streunende Hunde gibt es natürlich auch, aber denen begegnet man meist am Strand, wo sie ein Paradebeispiel für tropische Lebensart – Nichtstun, Streicheleinheiten und Dösen im weichen Sand – abgeben.

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Nachts aber erwachen ihre Lebensgeister. Bei Vollmond gebärden sie sich wie ein wild gewordenes Rudel jaulender Wölfe, die ein schauriges Konzert abliefern. In einer ganz normalen Nacht wie der vergangenen scheinen sie sich angeregt von Haus zu Haus Nachrichten zuzubellen, wütend zu diskutieren oder Hunde-Witze zu erzählen. – Nach fast 20 Jahren Seychellen weiß ich noch immer nicht, wie es den Einheimischen gelingt, bei diesem Lärm zu schlafen. Tropenhäuser sind luftige offene Behausungen, und man kann nicht mal so eben ein Fenster aus Doppelglas schließen, um Geräusche einfach auszusperren. – Auf die Spitze trieb es heute Nacht ein Hund, der im Rhythmus von 10 Sekunden ein „Wuff“ von sich gab, dann wieder und wieder. Dann Pause und das Ganze eine Oktave höher: „Wüff“ – „wüff“ – „wüüüüffff“. Danach dachte ich, es kehrt Ruhe ein. Im Gegenteil: Über Stunden lang dehnte sich diese „Sprechübung“ aus, leichte Varianten mit inbegriffen: „Woff“ – dann „wöff“ – „wöff“ –  „wöööffff“ und irgendwann: „Waff“ – „wäff“ – „wäff“ – „wäääffff“. Ich wartete förmlich auf den nächsten Kläffer…

Als ich schließlich vor Erschöpfung dann doch einnickte, begannen mitten in der Nacht die Hähne zu krähen. Komisch, warum warten sie nicht bis zum Morgengrauen? Nein, sie verkündeten – ihre Hennen und Küken im Schlepp – das Ende der Geisterstunde mit heftigem Gegacker und Gegluckse. Und da die meisten Einheimischen ihre Grundstücke ebenso wenig eingezäunt haben wie wir das unsrige, kommt das Federvieh direkt bis vor unser Schlafzimmer und wünscht uns für den Rest der Nacht einen erholsamen Schlaf. Wenn sie wenigstens ein paar Eier unter den Hibiskus-Busch legen würden…

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Wenn dann nach kurzer Ruhepause der ersten Frosch quakt, dann weiß ich: Es geht auf vier Uhr morgens zu. Normalerweise herrscht in den Monaten der Trockenzeit Funkstille. Sobald aber auch nur ein winziger Tropfen Wasser zwischen die Felsspalten gelangt (und sei es aus einem Putzeimer oder Gartenschlauch), laufen die Tierchen zur Höchstform auf. Ein ohrenbetäubendes Froschkonzert beginnt und dauert bis zum herannahenden ersten Tageslicht, das meist gegen halb sechs über die Insel kriecht. Aus lauter Freude stimmen dann sämtliche Vögel mit ein, insbesondere die Kolibris mit ihrem schrillen Gefiepe. Die Hühner machen aus Sympathie gleich nochmal mit; und ab und zu meckern unten im Tal die Ziegen. Ich komme mir vor, als würde ich auf einer riesigen Farm leben. Besser kann kein Wecker funktionieren. Übrigens, nochmals kurz zurück zu den Vögeln: Wer denkt, dass nachts die Vögel still sind – Irrtum. Ich habe zwei Nachtvögel ausgemacht, die ich noch nie gesehen, geschweige denn identifiziert habe. Der Einfachheit halber habe ich sie nach ihren seltsamen Lauten benannt: der Kastagnetten-Vogel ahmt täuschend echt das Geklapper spanischer Rhythmusinstrumente nach und der Handy-Vogel tut so, als würden bei ihm pausenlos SMS-Benachrichtigungen eingehen.

Bei diesem ganzen Natur-Konzert gibt es noch eine einzige Steigerung, und zwar immer dann, wenn der Nachbar Geburtstag, Namenstag  oder Kommunion feiert oder wenn das übliche Wochenend-Gelage stattfindet, bei dem auch schon mal 12 Stunden Nonstop-Musik läuft; und damit meine ich nicht wohlklingende Töne in gemäßigter Lautstärke…

Warum ich das alles schreibe? Wer sich in einer kleinen Privat-Unterkunft, einem Guesthouse oder Pension einmietet, muss damit rechnen, dass auch für ihn gilt: schlaflos in den Seychellen. Also: Wer daran gewöhnt ist, Ohrenstöpsel zu tragen, der sollte sich unbedingt ein Paar (oder mehrere davon) mit ins Gepäck stecken – sonst nämlich ist die Gefahr groß, den Schlafmangel der Nacht mit zu vielen Nickerchen am Tage zu kompensieren. Und da würde man doch tatsächlich Licht und Schatten, Laut und Leise und damit die Kontraste, die Schönheit der Inseln ausmachen, doch glatt verpassen…

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Anse La Mouche – märchenhafte Momente!

23. Oktober 2016

Zugegeben, die Anse La Mouche im südlichen Westen Mahés ist ein Strand, der mich in den vergangenen Jahren überhaupt nicht interessierte. Zum Baden bei Ebbe oft zu flach, dagegen bei Flut zu wenig Strand und viel zu viel Verkehr auf der Küstenstraße. Doch dann hatte ich neulich abends ein Aha-Erlebnis, dass die weit geschwungene Bucht wortwörtlich in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Ich kam vom Einkaufen und es war reichlich spät geworden. Der nahende Abend hing schon in den Palmenblättern und ein warmes Sonnen-Orange vermischte das Türkis des Wassers mit dem Azur des Himmels: die Blaue Stunde.

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Hinter dem Wasser parkte ich das Auto am schmalen Seitenstreifen längs des linken Straßenufers irgendwie und irgendwo zwischen etlichen Pick-Ups. Eigentlich erwartete ich hektisches Treiben am Ufer und geschäftiges Entladen der kleinen Fischerboote, die da draußen friedlich schaukelten, so als wollten sie sich selbst in den Schlaf wiegen. Nein, stattdessen Ruhe und Harmonie. Keine Musik plärrte, kein Hund kläffte. Die Tiere lagen träge im Strand, buddelten sich eine weiche Kuhle und dösten schnarchend vor sich hin. Ab und zu rauschte ein Tata-Bus auf der Straße entlang, manchmal verfing sich ein Windhauch in den Palmenblättern. Leises Rascheln, wie von dünnem Seidenpapier, das  mit dem schüchternem Wispern des Wassers spielte.

Es waren etliche Einheimische da, aber nicht laut palavernd wie sonst, sondern einfach nur selbstvergessen auf einem Baumstumpf sitzend, den Blick in die Weite gerichtet, eine Flasche Bier in der Hand. Ich tat es ihnen gleich. Kaum ein Wort fiel. Stummes Zunicken, ein Lächeln. Das war alles. – Wir verstanden uns, hier am Ufer der Anse La Mouche.

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Ein Angler stand stumm im Wasser und hoffte auf Fischerglück; zwei bonefish hatte er bereits im Netz, ein kleines Abendessen war ihm sicher. Neben ihm lag eine Familie auf einem großen Handtuch, zwei Kinder spielten im seichten Geplätscher, kein Gekreische, stattdessen pures Glück und Genuss.

Stille.

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Adresse: Anse La Mouche (offiziell: Anse à la Mouche), Westküste Mahé

Besonderheiten:
Länge: ca. 2 km; flaches Wasser,

Insgesamt ganz nett zum Baden  bzw. Chillen im Meer, für Kinder zum Planschen und für die Aktiveren auch zum Schnorcheln, aber bei Flut leider kaum Sandstrand, denn das Wasser reicht bis ans Ufer
bei Ebbe eher etwas zum Strandwandern, Sonnenbaden und Picknicken, denn viele Schattenplätze unter den Bäumen bieten perfekte Ruhe-Oasen; daher auch ein gutes Plätzchen  zum Entspannen für Familien mit Kleinkindern
Erreichbarkeit: von der Ostküste über die „Les Canelles“-Bergstraße, ansonsten sowohl aus dem Norden wie aus dem Süden kommend über die West Coast Road, einige Bushaltestellen direkt in der Bucht
Unterkünfte: kleine Guesthouses wie „Blue Lagoon“ direkt am Wasser, lediglich durch die Küstenstraße getrennt, oder eine Handbreit im Hinterland: „Oasi Guesthouse“ und „Villa Bamboo“.
Verpflegung: viele kleine Inder-Läden; frisches Gemüse gibt’s an einem kleinen Marktstand am nördlichen Zipfel der Anse La Mouche, dort führt auch der Fischer Rassool sein Regiment mit einem recht professionell organisierten Fischhandel, der von einer Art Container aus gemanagt wird; die Öffnungszeiten erkennt man daran, wenn ein Pick-Up vor dem kleinen Gebäude steht und die Türen offen sind.
Restaurants: Anchor Café, Anse à la Mouche, West Coast Road, Mahé,  Tel. Nr.  00248 4 371289
Sonntags geschlossen, unter der Woche immer dann offen, wenn das hell erleuchtete „OPEN“-Schild blinkt,
Free WiFi verfügbar. – Das 
Ambiente: ein eher einfaches, rustikales Bistro, etwas in die Jahre gekommen, aber dennoch mit nostalgischem Insel-Charme, den es schon vor 20 Jahren hier gab und allen touristischen Innovationen die Stirn bot. Spezialität ist „blackened fish“, eine gegrillte Fischspezialität. Wartezeit manchmal etwas (zu) lang, aber was soll’s, wenn der Sonnenuntergang lockt!

Tropen und Tradition, Trash und Tratsch: ToTo’s Trödelladen

21. Oktober 2016

Alte Besen aus Kokosreisig, Körbe aus Palmenwedel, dazwischen verbeulte Blechtassen und dann auch noch ein rostiges Fahrrad…

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…wer meint, er sei jetzt bei einer seychellischen Haushaltsauflösung angekommen der täuscht sich gewaltig. Denn dies ist das Reich von ToTo, der mit bürgerlichem Namen Joseph heißt. In der kleinen Häuseransammlung von Baie Lazare an der Westküste Mahés hat er sich einen Traum erfüllt: eine „Museum Gallery“, wie er seine Kollektion nennt, die nicht nur mit einem Lächeln bestaunt werden kann, sondern auch nachdenkliche Verwunderung auslöst. Warum sind da plötzlich leere Seybrew-Flaschen, die wie dunkelgrüne Tulpen auf Ästen aufgespießt sind, oder warum liegen plötzlich Glasscherben in Farben des Regenbogens auf einem alten Holzregal. Die Geschichten hinter der Geschichte erzählt ToTo gern…

Neben merkwürdigen Werkzeugen, die z.B. zum Öffnen harter Kokosnüsse dienten, künden schwere marmit – gusseiserne Kochtöpfe auf drei Beinen  – von kreolisch kulinarischen Köstlichkeiten. Dazwischen Kunsthandwerk aus Treibholz, Muscheln und Samen oder aber witzige T-Shirts, die zwischen urigen Schnitzereien und raffinierter Flechtware liebevoll von ToTo präsentiert werden.

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Logisch, dass man die meisten Exponate auch kaufen kann. Viele davon sind Zeuge längst vergangener Inseltage, berichten vom entbehrungsreichen Alltag der ersten Siedler und lassen den Besucher in den Retro-Modus wechseln, der die „guten alten Zeiten“ der Inseln heraufbeschwört. Bei einem Stück allerdings schüttelt ToTo heftig den Kopf: Es ist der Panzer samt Schildkrötengerippe, das den Platz vor seinem Tresen nebst Kasse bewacht: „Wenn Du das Ding kaufen willst, kein Problem – aber Du landest sicher im Knast, wenn Du es nach Deutschland bringst“, grinst er mich diabolisch an.

Ich lehne dankend ab und schaue mich im Innern seiner schaurig-schönen Höhle um. Ich verweile gern, denn leise Musik umhüllt mich – nicht irgendwelche Traditionsklänge des allgegenwärtigen Sega-Rhythmus: nein, bei ToTo höre ich Rock’n-Roll-Balladen!

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Zwischen all dem Vinyl schnitzt ToTo  indes weiter an kleinen Coco-De-Mer-Exemplaren aus Holz, die er als Handschmeichler verkauft. Zeichnungen mit Portraits uriger Inselbewohner wachen derweil über ihn. ToTo ruht in sich selbst, ist aber alles als ein verschlossener Kauz. Er mag die Menschen und unterhält sich gern – mit allen, und ohne Ausnahme. – Ich bin glücklich, dass ich mich dazu zählen darf.

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Adresse:

ToTo – Lazare Souvenir/Museum Gallery
Baie Lazare, Mahé,  SEYCHELLES

(In Baie Lazare an der Hauptstraße gelegen; aus dem Süden kommend, links nach der Tankstelle auf dem kleinen Hügel, gegenüber vom Frangipani-Café, das früher Splash-Café hieß und von Sandra, der Schwester von Tom Hanks geführt wurde).

Öffnungszeiten: von früh bis spät bzw. wann immer das Fahrrad mit dem Schild „Open“ vor der Tür steht.

Telefon: 00248/ 2 516 577

Zeitlos in den Seychellen

14. Oktober 2016

Wer auf den Seychellen weilt, beginnt plötzlich, nach einem anderen Zeitbegriff zu leben. Nichts scheint wirklich eilig zu sein. Und alles kann warten. Viele meiner seychellischen Freunde tragen keine Uhr, ich übrigens auch nicht mehr. Und doch kommen wir im Alltag ganz gut zurecht – meistens jedenfalls. Das liegt zunächst einmal daran, dass es einen natürlichen Zeitmesser gibt: die „Sonnen-Uhr“. Sie geht nie falsch und immer richtig, denn sie geht zwischen sechs und halb sieben in der Früh auf, und zwischen sechs und halb sieben abends unter. Tropische Regelmäßigkeit des Äquators – zuverlässig, Jahrmillionen lang erprobt und sehr beruhigend. Genauso wie der Rhythmus der Gezeiten, Ebbe und Flut – die man nach einigen Tagen Strandleben auch ohne Gezeiten-App präzise voraussagen kann.

Zur Not helfen die Vögel mit dazu, die morgens und abends jeweils zeitgleich plärren (von Singen kann bei dem lauten Spektakel der Mynah-Birds und Bulbuls jedenfalls nicht die Rede sein, auch nicht beim durchdringenden schrillen Fiepen der Kolibris und erst recht nicht beim Gezeter der Webervögel. Einzig und allein das Gurren der Sperbertäubchen macht da eine sanfte Ausnahme). Und wem das nicht reicht, der orientiere sich am Gebimmel der Kirchenglocken: Sechs- und Sieben-Uhr-Läuten in der Früh, Mittagsläuten um Punkt Zwölf, Angelus-Läuten um Fünf zum Feierabend. Und wenn mal nachmittags um drei die Glocken schlagen, dann ist klar: es kann nur Freitag sein!

Wegen dieser natürlichen Rhythmen ist es eigentlich nur zu logisch, dass es so etwas wie einen präzise getaktete Stundenablauf oder Fahrpläne nicht gibt – einzige Ausnahme ist die Fähre Cat Cocos. Aber bei den blauen Tata-Bussen sieht es schon anders aus. Es ist zwar in etwa bekannt, wohin sie fahren (das markiert ein Leuchtband im Cockpit) und von wo aus sie fahren (das zeigt das fette Wort „Bus Stop“ an, das in weißer Farbe einfach auf die Straße gepinselt wurde). Nicht aber ist genau bekannt, wann sie fahren. Und während wir in der zivilisierten Gesellschaft das Warten als etwas Lästiges und unnütze Zeitverschwendung empfinden, weil die Zeit davon eilt, haben die Seychellois eine ganz andere, eine positive Einstellung: „Time is coming“. Die Zeit kommt also zu ihnen, während bei uns die Zeit vergeht und wir ihr deswegen gestresst hinterher jagen müssen.

So weit, so gut. Eigentlich dachte ich, dass die Seychellen wegen dieser Mentalität ein wenig hintendran sind (ich sage bewusst nicht: hinterm Mond, denn der lacht sie strahlend an). Aber heute bekam ich den Beweis, dass sie ihrer Zeit voraus sind, zumindest um einen ganzen Tag. Als ich nämlich im „News Café“ in Victoria heute meine Zeitung las, musste ich verblüfft innehalten.

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Da steht doch tatsächlich: Freitag, 15. Oktober! Ich guckte sicherheitshalber auf den vergilbten Wandkalender des Cafés und auch noch auf mein Handy: Da stand: Freitag, 14. Oktober!

Okay, dachte ich, das hätten wir jetzt geklärt. Beruhigend für mich war, dass es offenbar den Zeitungsredakteuren genauso ging wie mir: kein richtiges Zeitgefühl mehr, welcher Tag, welches Datum – das war und ist offenbar gar nicht so richtig wichtig.

Und plötzlich merke ich, welchen Luxus ich da genoss: Zeitlos in den Seychellen!

Bird Island: Vögel, Meer und mehr…

11. Oktober 2016

Es gibt ein paar Flecken dieser Erde, mit denen es der Herrgott offenbar ganz besonders gut gemeint hat. Bird Island gehört definitiv dazu. Es ist nicht nur dieser Farbenrausch, der mit voller Wucht den Betrachter trifft und ihn immer wieder sprachlos werden lässt.

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Foto: (C) Rainer Bauerdick – http://rainerbauerdick.de

Es ist vor allem dieses friedvolle Miteinander von Pflanzen und Tieren, das mich ganz klein und demütig werden lässt.

Die Vögel: Wie kann es sein, dass mehr als eine Million Seeschwalben auf einem winzigen Areal von drei, vier Fußballfelder nicht nur Platz, sondern auch die Möglichkeit zum Brüten und zur Aufzucht ihrer Jungen finden? Und: Wie kann es sein, dass sie von einem unsichtbaren Magneten Jahr für Jahr immer wieder zur selben Stelle finden – ohne den ganzen neumodischen Kram wie GPS und Co.

Und dann die Feenseeschwalben – weiß und wunderschön: Wenn sie auf Partnersuche gehen, dann tun sie es mit Bedacht und vielleicht sogar mit Liebe. Denn mit ihrem Partner bleiben sie ein Leben lang zusammen. Meist sieht man sie auch zu zweit gern einmal turteln, entweder auf einem Zweig oder bei waghalsigen Manövern in der Luft, die eine Meisterleistung im Synchronfliegen darstellen. Kommt die Zeit der Brutpflege, dann legt das Weibchen gekonnt ein nur einziges Ei auf einen Ast. Kein Nestbau, keine schützenden Zweige – nix! Welch Akrobatik! Welch Kunst, so hocken zu bleiben, dass das Ei nicht herunterfällt.

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Genauso weiß, aber noch deutlich exotischer sind die Tropik-Vögel. Anmutige Wesen mit  langen Federn, der ihnen auch zu ihrem kreolischen Namen verholfen hat: payanke – aus dem Französischen paille en queue – den Strohhalm im Schwanz. Mit ihren spitzen Schreien schrauben sie sich ins makellose Himmelsblau, jubilieren den Wolken zu  und stürzen sich wieder hinab. Ganz ruhig verhalten sie sich dann aber, wenn sie brüten.

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Am Fuße riesiger Strandzedern finden sie Zuflucht vor Sonne und Wind, und Robby – der Wildhüter von Bird Island – hat ihnen mit ausgebleichten Korallengestein, Palmbast und Treibholz kleine „Hüttchen“ gebaut, die sie dankend annehmen. Dort fühlt sich auch das kleine Küken geborgen, das sich darin  wie ein Wattebausch an die Mutter kuschelt.

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In den nächsten Tagen und Wochen kommt die Zeit, wo das kleine Federbällchen  mehr und mehr Gewicht und Gestalt annimmt, bis es schließlich ein gesprenkeltes Federkleid trägt, das unmissverständlich zu verstehen gibt: Die Zeit ist gekommen, um flügge zu  werden.

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Hoch oben über den Wipfeln, weit in den Wolken ein anderes Spektakel: Hunderte von Fregatt-Vögeln kreisen im Himmel, nutzen die Thermik und ihre Flügel mit einer Spannweite von 2,30 Metern, um sich von den Luftströmen treiben zu lassen. Fast faul hängen sie im Blau, kein wildes Flattern, ein gelegentliches Trimmen mit ihren gegabelten Schwanzfedern, ansonsten majestätisches Gleiten.

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Bild: (C) Rainer Bauerdick http://rainerbauerdick.de

Am Boden derweil heftiges Getrippel und Getrappel: Einige Steinwälzer, die an Bachstelzen erinnern, rennen aufgeregt hin und her. Sie haben eine lange Reise hinter sich, sind der Kälte Sibiriens entflohen und freuen sich über die Sommerfrische auf Bird. Ihrem Namen machen sie alle Ehre, denn um Nahrung zu finden, drehen und wenden sie Kiesel, Felsbröckchen, Steine, um darunter die besten Leckerbissen ausfindig zu machen.

Deutlich träger sind die Noddy-Seeschwalben. Sie haben sich doch tatsächlich die größte Mittagshitze ausgesucht und hocken dort mitten im gleißenden Licht, ohne auch nur einen Hauch von Schatten. Warum nur? Die nehmen doch kein Sonnenbad, oder etwa doch?

 

Tatsächlich – so etwas Ähnliches machen die braunschwarz gefiederten Gesellen wirklich, denn durch die Hitze wollen sie den Parasiten Herr werden. Ein bisschen Feder-Gezupfe hier, ein bisschen Flügelwackeln da, und schon ist die Vogel-Toilette beendet. Dann ab in die Bäume, wo flugs am Nest weitergebastelt wird. Das besteht aus zwei Baumaterialien, nämlich trockene Blätter und Vogelkot. Halt – sagte ich trockene Blätter? Das stimmt nicht ganz, denn wären die Blätter tatsächlich ganz trocken, würde die Konstruktion in Verbindung mit dem Vogel-Kaka nicht halten. Ledrig müssen die Blätter sein, biegsam und keineswegs bröselig, nur so entsteht der perfekte, stabile Nistplatz, der der extremen Witterung standhält.

Um die Ecke ist großer Kravall in einer Hecke: Dort zanken sich zwei Moorhühner, vielleicht streiten sie sich um ein Stückchen Toast, das ich dort gestern verfüttert habe. Ihre Schreie gleichen dem Gequietsche von einem halben Dutzend Badeentchen. Und jedes Mal erschrecke ich, so laut sind sie. Ich habe die Moorhühner „Penlac“ genannt – der Firmenname eines Unternehmens auf den Seychellen, das Farben und Lacke herstellt. Genauso bunt ist das Moorhuhn: grellgelbe Beinchen, feuerroter Schnabel, schwarzweißes Federkleid – die ganze Palette einer Farben-Firma eben!

Früher – ja, ich gebe es zu – habe ich mich überhaupt nicht für Vögel interessiert; jetzt, hier auf Bird, kann ich ihnen stundenlang zugucken. Ich teile meinen Bungalow mit ihnen, vor allem mit den kleinen ständig gurrenden Sperbertäubchen, die ganz genau wissen, wann ich vom Frühstück zurückkomme und ihnen etwas mitbringe.

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Dann aber ist es endlich Zeit für mich, den Vögeln ihr Revier zu überlassen. Nur ein paar Schritte trennen mich von meinem Bungalow zum Meer.

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Mehr Meer geht nicht!

Bird Island – dem Himmel so nah…

10. Oktober 2016

Wer sich entschließt, ein Stückchen dieser Welt kennen zu lernen, was so schön ist, dass es eigentlich nicht von dieser Welt sein kann, der sollte nach Bird Island reisen. Die nordwestlichste der Seychellen-Inseln liegt eine halbe Flugstunde von Mahé entfernt und ist doch eine Ewigkeit vom Alltag entfernt.

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Eine kleine Lodge schmiegt sich kurz hinter dem Wasser am weißen Sand entlang; es sind luftige Häuschen, die sich zwischen Palmen und Casuarinen – den filigranen Strandzedern – aneinander kuscheln, gerade mal 25 Bungalows, und das ist gut so.

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Denn Bird Island ist klein, noch nicht mal eine Quadratkilometer groß,- 1700 m lang und 700 m an der größten Stelle breit. Und obwohl es nur eine pfannkuchenplatte Anhäufung aus Korallen und Sand ist und ein Staubkorn im Universum, ganz winzig und nichtig – es ist  doch eine ganz eigene Welt, vor allem zwischen Mai und Oktober; denn dann ist das Inselchen das Zuhause für über eine Million Seeschwalben, die hier ihre Nistplätze haben. Damit nicht genug: Die Riesenschildkröten fühlen sich hier pudelwohl, suchen sich schattige Plätze unter den Palmen und schieben sich langsam durch den sandigen Boden in den Schutz der Bungalows, wo sie auch gern mal stundenlang verharren. Esmeralda – übrigens keine SIE, sondern ein ER – ist hier auch daheim; das älteste Exemplar auf dieser Erde. Über ihr/sein Alter ist man sich aber uneins: Einige Quellen behaupten, sie/er sei 1771 geboren und 400 kg schwer. Anderen Angaben zufolge (z.B. laut Süddeutscher Zeitung) soll sie/er „nur“ ca. 300 Kilo schwer sein und zwischen 150 und 180 Jahre sein. Kann uns eigentlich egal sein, denn er/sie ist schlicht und ergreifend ein bewundernswertes Prachtexemplar, ein Zeitzeuge der Urzeit und ein lebendes Mahnmal, dass es auch langsam geht.

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Neben Esmeralda krabbeln noch andere Schildkröten über die Insel: Da gibt es kleine flinke, mit gelbgrünem Panzer – das sind Schildkröten aus Madagaskar, von denen eine auf den Namen Jeremy hört. Und dann schieben sich behäbig noch ein paar Artgenossen von Esmeralda über die Insel, darunter der halbblinde Raffael, der einmal meinte, meine türkisfarbenen Shorts seien der perfekte Nachtisch. Er knabberte sie lustvoll an und es gelang mir nur mit Mühe, sie ihm wieder zu entreißen. Achtung: Schildkröten haben verdammt scharfe Zähne! Wer sie füttern will, z.B. mit Bananenresten oder den weißen Früchten der blutroten Scharlachkordie, möge dies bitte mit Respekt tun…

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Wer also auf Bird weilt, teilt seine Unterkunft mit den Tieren. Und in der Brut-Saison kann es auch schon mal richtig laut werden, wenn die Seeschwalben zetern und schreien, rufen und weinen. In der Nacht geht es übrigens weiter, und nicht selten höre ich die Klagen von Touristen, die Naturgeräusche in dieser Lautstärke nicht mehr gewohnt sind und sich mit Oropax vor den krakeelenden Vögeln zu schützen versuchen. Für mich jedoch ist es die schönste „Lärmbelästigung“ der Welt, vor allem in den Abendstunden, wenn die Sonne im Meer versinkt.

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Wenn sich dann noch das tiefe Dunkel über die Insel legt, wird alles noch intensiver: Unter einem grandiosen Sternenhimmel, der die Insel in sphärisches Licht taucht, wird das Rufen der Vögel zu einer seltsam klagenden Sinfonie, die die ganze Nacht über andauert….

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Kommt ein kurzer Schauer, dann offenbaren warmer, regendurchtränkter Sand, nasse Blätter und Blüten einen sinnlichen Duft, der sich mit dem strengen Aroma feuchter Federn, Nester und anderer Hinterlassenschaften vereint.

Danach versinkt die Insel wieder in einen friedlichen Schlaf, der erst mit dem Sonnenaufgang vorüber ist.

Seychellen – die beste Reisezeit

8. Oktober 2016

Immer wieder werde ich gefragt, was denn die beste Reisezeit sei, um auf die Seychellen zu fliegen. Ich könnte jetzt den gleichen Fehler machen wie viele renommierte Reiseführer und die Monate Juni, Juli und August empfehlen, weil es dann zunächst einmal günstige Flüge gibt (es ist nämlich Nebensaison auf den Seychellen) und weil angeblich nicht ganz so heiß ist und kaum regnet. Faktisch ist es aber so – und ich spreche aus 18 Jahren Erfahrungen und Wetteraufzeichnung -, dass es zwar in der Tat kühlere Monate sind, aber es auch öfter länger bewölkt ist, die Farben weniger intensiv sind und öfter ein permanenter Grauschleier über der Landschaft liegt. Kühler ist es auch, weil der Südost-Monsun weht, und der kann es ganz schön heftig treiben, sodass vor allem an der Ostküste bisweilen richtiger Sturm herrscht. Nachteil: Entspanntes Baden geht kaum an den Stränden der Anse Royale oder der Anse Forbans, weil die Wellen einfach zu hoch und die Strömungen zu stark sind. Oft höre ich dann auch Klagen wie: „Iiih, da schwimmt ja Seegras“ oder „Bäh, das Wasser ist ja ganz grau“.

Eine andere, immer wieder gern gemachte Empfehlung ist, doch Weihnachten unter Palmen zu verbringen. Kann man machen, muss aber damit rechnen,…

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… dass depressives Grau, tief hängende Wolken, dann Dauerregen und richtige Wolkenbrüche – die durchaus länger als nur eine Stunde oder einen Tag anhalten können – die Insel heimsuchen. Denn Dezember, Januar und Februar sind die regenreichsten Monate auf der Insel. Ich muss allerdings einräumen, dass Februar 2016 ganz außergewöhnlich schön, sonnig und trocken war. Man merkt, nix is fix – hinsichtlich einer treffsicheren Prognose.

Aber eines ist unumstößlich: Es gibt zwei Phasen im Jahr, in denen die Winde wechseln –  Das sind diejenigen Wochen, in denen der Nordwest-Monsun den Südost-Monsun ablöst. Und umgekehrt.

Als Faustregel gilt:

Nordwest-Monsun weht zwischen Mitte/Ende Oktober und Mitte/Ende April.

Südost-Monsun weht zwischen Mitte/Ende April und Mitte/Ende Oktober

Wer also z.B. im Dezember auf die Seychellen reist, muss damit rechnen, dass – falls er an der Westküste Quartier bezieht – höheren Wellengang hat. Gleiches gilt für denjenigen, der z.B. im Juli an der Ostküste seine Unterkunft hat.

Ich finde nach wie vor, dass die beste Reisezeit auf die Seychellen die Monate April/Mai und Oktober/November sind, da in dieser Zeit der Wind umschlägt, oft nicht weiß, aus welcher Richtung er kommen soll und demzufolge oftmals ganz erliegt. – Eine herrliche Zeit, in der es sich an beiden Küsten gleichermaßen gut baden lässt, wie z.B. hier – an der Anse Royale auf Mahé.

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Steckbrief Seychellen-Wetter:

Luft-Temperatur: ganzjährige Durchschnittstemperatur liegt tags wie nachts bei ca. 27 Grad; allerdings gibt es im April oft eine Hitzewelle, die die Einheimischen gern „solei karemn“ – die Fastenzeit-Sonne – nennen, weil sie um Ostern mit ihrer Hitze den Menschen und der Natur alles abverlangt. Dann klettert auch gern mal das Thermometer auf mehr als 30° +C. In den Monaten des Südost-Monsuns  kann es nachts auch mal kühler werden. – Heute morgen habe ich doch tatsächlich nur 23,5 Grad auf meinem Thermometer abgelesen – fast so was wie ein Kälterekord. Allerdings haben mir Freunde in den Bergregionen von La Misere verraten, dass sie tatsächlich schon mal 19 Grad ablesen konnten. Irre!

Wasser-Temperatur: ca. 26-28 Grad – vor allem in der windstillen Zeit gefühlt deutlich wärmer; in den Monaten des Südost-Monsuns vor allem an der Ostküste gefühlt deutlich kälter. Aber immer noch deutlich angenehmer als Nord- und Ostsee zusammen!

Sonneneinstrahlung: Am Äquator steht die Sonne senkrecht, daher ist für empfindliche Haut ein hoher Lichtschutzfaktor unabdingbar. Zwischen 11.00 Uhr und 15.00 Uhr besser den Schatten aufsuchen. Außerdem: In den frühen Morgen- und den späten Nachmittagsstunden sind Lichtspiele am Wasser und die Farben des Meeres sowie so schöner, weniger Menschen am Strand und mehr Ruhe und Einsamkeit garantiert – also klare Empfehlung für Genießer: früh aufstehen oder erst vor „Feierabend“ baden!